Wenn man sich viel mit Achtsamkeit und Tantra beschäftigt, hofft man dann nicht insgeheim, gefeiter gegen die Vorurteils-Falle zu sein? Weit gefehlt. Über einen Prozess, der wohl ein Leben lang andauert.

Was hat mich (mal wieder) an diese Erkenntnis erinnert, die keineswegs neu in meinem Leben ist? Folgendes Erlebnis: Ich bin bei einer Community rund um offene Sexualität angemeldet, in der es auch ein Tantra-Forum gibt. Die Einträge dort sind – der Natur der Community geschuldet – mal achtsamer, mal weniger. Viele auf der Plattform wollen einfach nur Sex, ohne groß darüber zu reflektieren. Was ja auch in Ordnung ist. Sprich: Die Einträge erfüllen meist nicht den Grad an geistiger Tiefe, den man sich von seinem hohen tantrischen Ross aus wünscht.

Vor einiger Zeit stellte eine Frau in dieser Gruppe eine Suchanfrage ein, die sinngemäß lautete „Ich will auch mal so ein Tantra erleben“. Die Nachricht war unsorgfältig geschrieben und voller Rechtschreibfehler. Aus ihr war unschwer herauszulesen (oder besser: ich interpretierte es hinein), dass die Frau nicht wirklich eine Ahnung davon hatte, was denn „so ein Tantra“ überhaupt sein könnte, und was sie da eigentlich sucht.

Was war nun meine erste Reaktion? Ein „Hej, da ist jemand neugierig auf etwas, was ihr/ihm noch unbekannt ist, wie schön!“? Ganz im Gegenteil. Es sprang sofort eine kleine Maschinerie in meinem Kopf an: „Kann sie sich nicht vorher besser informieren“, „Kann man sich für solch eine Nachricht nicht mehr Mühe geben“, „Was soll denn ein Tantra sein *lach*“, „Da will nur mal wieder jemand billig an eine Massage kommen, sonst nichts“, „wieso raubt sie mir/uns die Zeit“ (ganz beliebt in der Vorurteils-Strategie, andere ungefragt mit einbeziehen), „Das kann doch nichts mit Tantra zu tun haben, was sie da sucht“, „Was will denn so jemand [sic!] mit Achtsamkeit/Tantra [sic!]“ und so weiter und so fort. Rumpelstilzchen Reloaded quasi.

Ein paar Wochen später postete die gleiche Frau erneut im Forum. Mein Puls drohte gerade wieder höher zu gehen. Und dann las ich einen kleinen, wieder schludrig geschriebenen, erneut alle Regeln der Rechtschreibung außerachtlassenden Text, der mich staunen ließ. Auch hier gebe ich sinngemäß wieder, was sie schrieb, das Original ist deutlich länger:

„Ich hab jetzt das erste Mal so ein Tantra erlebt. Und es war großartig.“

Trotz aller äußerlichen Unzulänglichkeiten des Inhalts sprach daraus eine so tiefe Dankbarkeit und echte, unverfälschte Berührung, wie man sie nur selten liest. Ganz unabhängig davon, was sie nun erlebt hat, denn darum geht es schließlich gar nicht. Sondern darum, dass das Erlebte offensichtlich Wirkung hinterließ. Nach dem Lesen verschlug es mir kurz die Sprache und die Gedanken – auch nicht schlecht. Diese kleine Geschichte wirkt bei mir bis heute nach, deswegen schreibe ich darüber.

Ich wette, dass wir alle solche Momente erleben, Tag für Tag. Manchmal merken wir es, oft aber auch nicht. Der beschriebene Fall warf für mich folgende Fragen auf:

  • Wer bestimmt eigentlich, wie „Tantra“ und „Achtsamkeit“ auszusehen haben, und wie nicht?
  • Tappe ich dabei nicht in die gleiche Falle, wie wenn ich mich über selbsternannte tantrische Gurus (m/w/d) aufrege, die mir – aus meiner Sicht – ungefragt ihre verschwurbelten Theorien aufzwingen wollen?
  • Sprich: Messe ich nicht fortlaufend mit zweierlei Maß?
  • Kann Achtsamkeit – bei „falscher“ Anwendung – eine Fassade aufbauen, hinter der sich sich prima verstecken lässt? Mit vermeintlicher Überlegenheit und moralischer Überhöhung?
  • Kann es sein, dass meine Vorurteile, Denkschablonen, Schubladen, Glaubenssätze etc. Erfahrung verhindern, wo vielleicht neue Pfade lauern?

Hinter all diesen Punkten steckt eine weitere, grundlegende Frage: In welchen Situationen falle ich täglich auf ähnliche Denkfallen herein, egal in welchem Kontext? Hier helfen nur Innehalten oder Rückschau, Selbstreflexion und ja – natürlich – auch Achtsamkeit. Letzteres wenn möglich ohne die Schere im Kopf. Oder zumindest mit dem Bewusstsein, dass diese Schere da ist. Siehe auch meine Beiträge:

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Bilder: Andrzej Kryszpiniuk, Prithivi Rajan

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2 Kommentare

  1. Hallo,
    darf ich fragen, welche Netz-Community konkret gemeint ist?
    Danke 🙂

    1. Hallo Michael, ich meine hier den Joyclub, wollte aber keine Werbung machen 😉

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