Kinder haben es in dieser Welt nicht einfach. Und Frauen stehen besonderen Herausforderungen gegenüber. Das ist mir als Vater bewusst. Ich kann dir, meiner Tochter, nur Liebe geben. Und ein paar Gedanken. Mit auf deinen Weg, den du selber finden wirst. Über Frau-Sein, Männer, Mut, Liebe, Sexualität und Achtsamkeit. Geschrieben im September 2019.

Denke positiv. Und verliere dein Lachen nicht.

Meist sind es die kleinen, unscheinbaren Dinge, die dich am meisten erfreuen. Du spielst stundenlang mit einem Kuscheltier oder zwei kleinen Figuren. Und tauchst dann ganz in deine eigene Fantasiewelt ab. Du kannst so wunderbar albern sein. Dein Lachen schüttelt dich komplett durch. Und es steckt uns alle an. Du lachst so herzhaft, dass dir hinterher der Bauch wehtut. In solchen Momenten bist du in der Gegenwart. Und ganz bei dir.

Und manchmal bist du für deine sechs, bald sieben Jahre furchtbar ernst. Dann machst du dir Gedanken um Dinge, die deine Zukunft betreffen, und die nicht in deiner Hand liegen. Ich sehe oft junge Menschen und selbst junge Paare, die dauerhaft so missmutig dreinschauen, als würde das Ende ihrer Tage bevorstehen. Wenn deine Mundwinkel öfters nach unten gehen, statt nach oben, dann solltest du etwas verändern. Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis sind die wichtigsten Schritte hierzu.

An folgende Geschichte erinnere ich mich bis heute. Sie hilft mir dabei, positiv zu denken: Eine alte Frau wurde am Ende ihrer Tage gefragt, was sie im Nachhinein am meisten bereut. Sie antwortete:

Ich bereue nur eines. Dass ich mir viel zu viele Sorgen im Leben gemacht habe.

Lache mehr, als dass du dir den Kopf zerbrichst. Umgib dich mit PartnerInnen, Freunden, einer Berufung und Hobbys, die dich zum Strahlen bringen. Wenn das nicht so ist, dann suche dir neue Gefährten.

Sei du selbst. Du musst niemandem gefallen.

In der Zeit, in der ich dies schreibe, ist ein soziales Netzwerk namens Instagram sehr beliebt. Unglaublich viele Mädchen und Frauen veröffentlichen dort Fotos, auf denen sie sich möglichst geschickt in Pose werfen. Sie stellen sich selbst dar. Oder vielmehr: Sie stellen dar, wie sie gerne sein würden, damit sie möglichst beliebt sind.

Diese Frauen aber auch Männer haben einen seltsamen Maßstab für ihr Glück: Sie wollen, dass möglichst viele Besucher ihre Bilder „liken“. Oder dass diese Kommentare wie „so sweet“ oder „so niceeee“ hinterlassen. Ihre Besucher kennen sie meist nicht aus dem echten Leben. Und nennen sie trotzdem ihre Freunde. Das klingt absurd, ist es auch. Ein solches Leben macht dich krank und einsam. Und es schreibt dir vor, wie du zu sein hast.

Du bist schon jetzt sehr gut darin, dich vor der Kamera in eine bestimmte Pose zu werfen – trotz deiner gerade mal sechs Jahre. Wenn ich Fotos von dir mache, ohne dass du es merkst, erst dann strahlst du. Es gibt viele Menschen da draußen, die „schön“ sind, aber nicht attraktiv. Sie wirken seltsam leblos. Attraktivität kommt aus dem Herzen. Wenn dein Leben dir selbst gefällt, dann hast du alles geschafft, was es zu schaffen gibt. Dann musst du auch niemandem mehr hinterherlaufen oder etwas beweisen.

Sei wild!

Ich lese dir gerade Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ vor. Es ist eigentlich eine Geschichte für Erwachsene. Denn an den Stellen, an denen ich schmunzeln und lachen muss, schaust du mich erstaunt an. Die feine Anarchie, die aus Szenen wie dem Kaffeekränzchen mit den Damen aus der Nachbarschaft spricht, wird nur mir bewusst. Für dich ist es in weiten Teilen die ganz normale Beschreibung eines ganz normalen Mädchens, das Freude hat.

Das Buch hat viel mit der Frage zu tun, ab welchem Moment wir aufhören, Kind und damit frei zu sein. Astrid Lindgren prägte einst den Spruch:

Sei frech und wild und wunderbar!

Sei eben nicht angepasst. Kümmere dich nicht darum, was andere von dir denken. Oder welche Erwartungen sie an dich haben. Es ist alles in Ordnung, so lange du niemandem mit deinem Handeln schadest.

Vielleicht liest du Pippi Langstrumpf noch einmal, wenn du größer bist. Ich hebe es für dich auf. Dann verstehst du, warum die Polizisten Pippi jagen, und warum die Nachbarn sie in eine Schule schicken wollen. Danach frage dich: Wo folgst du gesellschaftlichen Normen, obwohl es deinem Naturell widerspricht?

Lass dir nichts gefallen

Mobbing hat es schon immer gegeben. Doch im Online-Zeitalter sind neue Methoden hinzugekommen. Sie lassen sich noch schwerer kontrollieren. Ich selbst wurde als Kind gemobbt. Durch meine Mitschülern und durch einen Lehrer. Wie oft bin ich mit Bauschschmerzen zur Schule gefahren. Das hat mich noch viele Jahre danach geprägt und gelähmt. Und ich habe selbst gemobbt, um zur Gruppe dazuzugehören. Mach das bitte niemals. Sonst kannst du dir irgendwann selbst nicht mehr in die Augen schauen.

Ich habe mich damals nicht getraut, zu meinen Eltern zu gehen, und sie um Hilfe zu bitten. Aus Scham. Das war mein größter Fehler. Ich bitte dich inständig: Wenn du jemals gemobbt oder bedroht wirst, vertraue dich uns oder anderen an. Suche dir Hilfe. Es macht es nur noch schlimmer, wenn du dich versteckst. Ich bin immer für dich da, wir sind immer für dich da. Und es gibt eine Lösung.

Setze dich für andere ein

In meiner Jugend bin ich auf die Straße gegangen. Gegen den Irak-Krieg, gegen Rassismus oder für den Umweltschutz. Lange Zeit dachte ich, die Generation nach mir sei unpolitisch. Doch weit gefehlt: Mit den Fridays for Future ist eine Bewegung von SchülerInnen entstanden, die nicht mehr tatenlos zusehen will, wie unser Planet ausgebeutet wird. Das ist großartig.

Setze dich für deine Bedürfnisse ein, aber auch für jene anderer Menschen. Sei skeptisch, wenn einzelne Gruppen scheinbar einfache Lösungen vorschlagen, die zu Lasten einer Minderheit gehen. Du musst nicht groß und mächtig sein, um etwas zu bewirken. Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Das können ein regelmäßiges Lächeln sein, Spenden, ein sozialer Beruf oder dein Engagement in einem Verein. Oder einfach nur, deine Stimme zu erheben, wenn andere benachteiligt und diskriminiert werden. Es gibt sehr viele Wege um auf jene Menschen zuzugehen, denen es nicht so gut geht. Du wirst dabei viel lernen: Über andere, aber genauso über dich selbst.

Das Leben ist divers. Und das ist gut so.

Gleichberechtigung ist ein zentrales Anliegen dieser Tage. Meist kommt der Ruf von den Frauen an die Männer, doch er gilt auch umgekehrt. Der folgende Ausspruch Friedrich des II. ist nun schon bald 280 Jahre alt. Aber er hat nichts an seiner Gültigkeit verloren:

Jeder soll nach seiner Façon selig werden

Immer noch kämpfen Menschen auf der ganzen Welt dafür, dass sie nicht aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, Überzeugung, gesundheitlichen Verfassung oder aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert werden. Du wächst in einem Land auf, das hier schon sehr fortgeschritten ist. Bleibe dennoch achtsam, wo du Vorurteile hegst, und wie sich diese überwinden lassen.

Du weißt von dir selbst, was es bedeutet, anders zu sein. Das wird dir helfen. Denke immer daran: In allen Teilen der Welt wollen Kinder aber auch Erwachsene genau das Gleiche wie du. Sie wollen glücklich sein und lachen. Lass dir unabhängig davon niemals vorschreiben, wie du zu Leben und was du zu denken hast.

Entdecke dich und deine Welt

Weißt du, was Kinder sehr viel besser können, als wir Erwachsenen? Sie sind furchtbar neugierig. Und sie lassen sich darin nicht bremsen. Du fragst mir regelmäßig Löcher in den Bauch: Warum ist das so, und nicht anders? Warum macht man das, und nicht jenes? Warum bist du dort, und nicht hier? Höre bitte niemals auf damit. Erkunde dich selbst, erkunde andere, erkunde die Welt. Sei dir dabei bewusst, dass niemand weiß, was „die Wahrheit“ oder was richtig ist. Du wirst deine ganz eigenen Antworten finden.

Ich selbst wusste viele Jahre nicht, wer ich bin, oder was mein Weg ist. Dabei hat mir das Prinzip der Achtsamkeit sehr geholfen. Aber auch die angeleitete Selbsterfahrung sowie das (längere) Reisen in andere Kulturen. Du wächst in der Natur auf, und nicht in der großen Stadt. Das ist ebenfalls sehr hilfreich. Ich habe erst spät entdeckt, welches Geschenk meine Kindheit war, unbekümmert auf dem Feld und in den Wäldern tobend. Mein Weg, um mich zu besinnen, ist die Meditation. Es gibt auch andere, aktivere Wege. Das Leben ist wunderbar. Aber es kommt nicht von alleine zu dir.

Sei eine Prinzessin

Auch Jungs spielen mit Puppen, auch Mädchen sind stark. Na klar. Jüngst las ich einen Beitrag, in dem Pädagogen empfahlen, man solle Kinder nicht in klischeehafte Verhaltensweisen abrutschen lassen. So weit so gut, wenn es darum geht, solche Muster nicht aktiv zu fördern. Doch du liebtest von Anfang an alles, was rosa ist. Hast schon sehr früh „Mama“ gespielt. Du reitest und du gehst ins Ballett. Was soll schlecht daran sein?

Wir wissen nicht, woher diese Leidenschaften kommen. Gefördert haben wir sie jeweils erst, als du sie wolltest. Was ich dir damit sagen möchte: Wenn du eine Prinzessin sein willst, dann sei eine Prinzessin. Wenn du später als Pirat durchs Leben gehst, dann ist das ebenso gut. Es ist deine Entscheidung. Jederzeit.

Doch auch als Prinzessin: Hab keine Angst, dich schmutzig zu machen. Mach es dir nicht zu bequem. Später führen dich oft jene Dinge ins Leben, in denen du deine Komfortzone ganz bewusst verlässt. Ich bin einmal zwei Wochen durch Lappland gewandert, mit meiner ersten Freundin. Ohne Dusche, ohne Supermärkte, ohne Heizung, ohne Klo, ohne Handy, ohne Menschen, ohne alles. Meine Unterkunft und mein Essen waren auf meinen Rücken geschnallt. Später wohnte ich ein halbes Jahr in Peru, in der sogenannten „Dritten Welt“. Dort haben die Menschen nichts, außer ihr Lachen. Und sie lachen sehr viel mehr als wir in Deutschland.. Das alles erdet. Und noch ein Tipp: Wirf Sagrotan aus deinem Haushalt.

Gehe auf Menschen zu. Frage dich, warum du Vorbehalte hast.

Wir alle kennen Personen oder Situationen, die uns auf Anhieb unsympathisch sind. Und wir stecken andere sehr schnell in Schubladen: Zu eingebildet, zu einfach, zu verantwortungslos, zu jung, zu alt, zu unattraktiv. All diese Momente sind eine Chance. Halte kurz inne, und frage dich: Was genau stört mich an dieser Frau oder diesem Mann? Danach schaue, wie dieser Mensch wirklich ist.

Du lernst schnell, dass dich genau jene Aspekte abschrecken, die du bei dir selber ablehnst. Die du dir nicht zugestehst. Oder auf die du unbewusst gar neidisch bist:

  • Jemand ist dir zu laut oder zu einnehmend? Würdest du dir selbst gerne mehr zutrauen? Bist du oft zu „brav“?
  • Dein Gegenüber scheint einfach gestrickt zu sein? Wünschst du dir, die Welt unbekümmerter wahrzunehmen, und nicht ständig alles vernünftig abzuwägen?
  • Er oder sie ist in deinen Augen unattraktiv? Definierst du dich selbst zu sehr über dein Aussehen? Was sind deine Werte und Ideale im Leben? Was willst du erreichen?

Ein Blick auf andere ist immer auch ein Blick auf deine Seele. Derzeit als Kind gehst du nur ungern auf andere Kinder zu. Du bist viel für dich. Das kenne ich nur allzu gut, und es ist nichts Schlechtes. Ich wünsche dir jedoch, dass du erkennst, wie wichtig Freundschaften und Beziehungen sind.

Suche dir gute Freunde

Nur du weißt, was die „richtigen“ Freunde für dich sind. Keiner kann dir dabei Vorschriften machen. Doch es gibt ein paar allgemeine Kriterien, die eine Freundschaft auf Augenhöhe ausmachen:

  • Gute Freunde bleiben selbst dann bei dir, wenn sie anderer Meinung sind.
  • Sie helfen dir, wenn du sie um Rat fragst. Sie bestimmen aber nicht dein Leben.
  • Dementsprechend akzeptieren sie unkonventionelle Lebensweisen und Entscheidungen.
  • Freunde sind nicht nur da, wenn du gut gelaunt bist. Sondern immer auch dann, wenn es schwierig und unbequem wird.
  • Sie stellen sich nicht über dich. Sie geben dir niemals das Gefühl, „besser“ zu sein als du.

Bei Freundschaften kommt es nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität. Aber: Freundschaften muss man pflegen. Und sie werden nur so tief sein, wie du es auch zulässt.

Erkunde dein Frau-Sein

Puh, dein Vater erzählt dir etwas zum Thema Frau-Sein? Nicht wirklich. Das kannst nur du selbst. Ich bin auf Seminaren jedoch unterschiedlichsten Frauen begegnet, die fast alle mit ihrer Weiblichkeit haderten. Das hatte ganz verschiedene Ursachen: Erziehung, abwesender Vater bzw. Mutter, schlechte Erfahrungen mit Männern, sexuelle Gewalt, fehlende Aufklärung, mangelnde Vorbilder.

Ich konnte sehen, wie sie förmlich aufblühten, wenn sie sich mit ihrer Weiblichkeit auseinandersetzten. Und sie begegneten uns Männern völlig anders – deutlich selbstbewusster aber auch deutlich weniger bedürftig. Du bist schon jetzt eine starke Persönlichkeit. Dir macht keiner so schnell etwas vor. Und trotzdem sind Dinge in deinem Leben passiert, die du leichter verarbeiten kannst, wenn du deine Wurzeln erkundest.

Ich habe mich gefragt: Kann ich dich aufklären? Als Mann? Ist das meine Rolle? Denn ein guter Teil dieser Aufgabe wird mir zufallen. Ich werde es tun. Denn ich will dir ein positives Bild von Sexualität vermitteln. Und wenn du dafür offen bist, dann finden wir die passende Unterstützung, um dein Frau-Sein zu erkunden. Im Kreis von anderen Frauen, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Sexualität ist etwas Wunderbares

Unabhängig davon, wie und mit wem du später deine Sexualität lebst: Nimm dir die nötige Zeit, um deine Bedürfnisse zu erforschen. Nur dann kannst du sie vertiefen und auch äußern. Denn was dir gefällt, und was nicht, das kann dir kein Ratgeber dieser Welt sagen. Lass dich nicht unter Druck setzen oder dir gar vorschreiben, wie eine „richtige“ Sexualität auszusehen hat. Oder dass es nur auf die korrekte Technik ankommt.

Sei deinen PartnerInnen gegenüber jederzeit selbstbewusst und selbstbestimmt. Intimität kann nur dann entstehen, wenn ihr euch auf Augenhöhe begegnet. Probiere dich aus, aber achte auf deine Grenzen. Wenn du dein Frau-Sein ausgiebig erkundest, dann spürst du diese intuitiv.

Suche dir achtsame Partner aus. Gerade zu Beginn aber auch danach. Achtsame Menschen helfen dir dabei, deine ganz eigene Sinnlichkeit zu entdecken. Mit ihnen kannst du eine Sexualität erfahren, die genauso spannend ist, die aber nicht nur an der Oberfläche kratzt. Es ist völlig egal, ob du männliche oder weibliche PartnerInnen haben wirst. Oder beides. Falls es Männer sind: Lies dir meinen Text Männer und Bedürftigkeit durch. Er wird dir bei deiner Suche helfen.

Beziehe dein Bild von Sexualität nicht aus Pornos

Viele Untersuchungen zeigen, dass Pornografie abstumpft. Die meisten Videos und Bilder vermitteln ein Bild von Sexualität, das nicht der Realität entspricht. Sie setzen dich und deine Partner unter Druck. In Pornos geht es meistens eben nicht um das Wahrnehmen deiner Sinne. Sondern um das Abspulen eines Programms. Du bist im Kopf, nicht in deinem Körper. Das ist genau das Gegenteil einer erfüllten Sexualität.

Ich wünsche dir, dass du die Geheimnisse der Liebe selbst erkunden kannst. Ich wünsche dir eine Resistenz gegenüber den Bildern und Filmchen, die auf dem Schulhof herumgereicht werden. Denn sie machen den unbeschreiblichen Zauber kaputt. Du hast dann alles gesehen, aber spürst nichts mehr. Und die Bilder bekommst du nicht mehr aus deinem Kopf. Pornos verhindern, dass du echte Nähe zulassen kannst. Zu anderen, aber auch zu dir selbst.

Bleibe immer frei

Im Rahmen eines Trainings durfte ich meine Kindheit spielerisch noch einmal erleben. Da wurde mir bewusst, wie wunderbar diese Zeit war. Trotz mancher Probleme und Schatten. Erwachsene haben es verlernt, frei und wild zu sein. Im Alltag müssen wir oft funktionieren. Wir machen uns viel zu viele Gedanken, statt unbekümmert zu sein – so wie ein Kind.

Du kannst deine Kindheit nicht mehr zurückholen. Aber du kannst dich immer wieder fragen:

  • Wo bin ich zu wenig wild, zu wenig frech?
  • Wann schränken andere Menschen mich ein?
  • Wo schränke ich mich selbst ein?
  • Was kann ich tun, um meine Freiheit zurückzugewinnen?
  • Gebe ich meinen Liebsten genügend Freiraum?

Ein bisschen innere Anarchie kann nicht schaden. Ganz im Sinne von Astrid Lindgren und ihrer Pippi Langstrumpf. Du kannst dich nur dann selbst entdecken, wenn du regelmäßig etwas wagst. Wenn du unvernünftig bist und neue Wege gehst. Dann bleibst du dir auch selbst treu.

Lass dich nicht auf den Geschlechterkampf ein

Während ich dies schreibe kämpfen Männer gegen Frauen, Frauen gegen Männer. Immer noch, mag man sagen. Die Emanzipation hat viel verbessert. Gleichzeitig haben sich neue Gräben aufgetan. Auch du bist ungewollt in diesen Kampf geraten, zum Glück nicht in einer sehr ernsten Form.

Wenn man sich anhört, worüber Mann und Frau streiten, dann haben meist beide Seiten Recht. Und doch lassen sie sich zu sehr von ihren Befindlichkeiten und ihrem Ego leiten. Du kannst nur zuhören und versuchen, die andere Seite bestmöglich zu verstehen. Gehe in einer achtsamen Freundschaft oder Partnerschaft davon aus, dass dir dein Gegenüber mit seiner gegensätzlichen Meinung nicht schaden will. Versuche in einem Streit immer beide Seiten zu hören und zu verstehen.

Ergreife nicht überschnell Partei für eine bestimmte Seite. Übe dich im Zuhören. Scheue dich nicht, in Konflikte zu gehen. Und die Emotionen von dir und deinem Gegenüber auszuhalten. Sei empathisch, aber bleibe gleichzeitig bei dir selbst. Das ist alles andere als einfach. Aber die Mühe lohnt sich. Nach und nach können wir die Bedürfnisse des anderen begreifen. Und so aufeinander zugehen. Ich habe hier mehr darüber geschrieben.

Es gibt unterschiedliche Lebensmodelle

Die Welt wird bunter, und auch die Lebensmodelle passen sich dem an. Du bist ein gutes Beispiel dafür: Du hast eine Mama, aber gleich zwei Papas. Und noch mehr Menschen, die dich lieben. Auch wenn der Start dieses Modells nicht ideal für dich war: Es ist schön, wie selbstverständlich du mittlerweile damit aufwächst. Wir alle sind für dich da. Und nur darauf kommt es an.

Später kannst du schauen, was dein Modell ist. Lass dich dabei nicht von irgendwelchen Moralvorstellungen lenken. Lebe in einer Konstellation, die dich und deine Liebsten glücklich macht. Das kann die klassische Familie sein, aber auch eine andere Form.

Lasse dir niemals vorschreiben, wen du zu lieben hast, und wen nicht.

Leider gibt es immer noch viele Menschen da draußen, die Liebe sehr einseitig sehen. Sie wollen dir Vorschriften machen, mit wem du zusammenleben sollst, und mit wem nicht. Liebe ist universell. Sie ist keine Frage der Herkunft oder der sexuellen Orientierung. Sie lässt sich auch nicht auf einen Menschen beschränken. Du alleine bestimmst, mit wem du deine Zeit teilen möchtest. Und du bist niemandem Rechenschaft schuldig.

Du darfst deine Kinder lieben

Kürzlich habe ich eine seltsame Diskussion verfolgt. Eine Pädagogin fragte sich, ob man zu seiner Tochter oder seinem Sohn sagen darf: „Ich liebe dich“. Sie fand es unangebracht. Wie verzerrt unsere Gesellschaft doch oftmals ist.. Was soll man denn sonst, außer seine Kinder lieben? Und warum sollte man es ihnen nicht sagen?

Ich merke, dass ich mich manchmal selbst dabei schäme, dir genau dies zu sagen. Vor allem dann, wenn andere zuhören. Dann weiche ich auf andere Formulierungen aus. Etwa: „Ich habe dich lieb“. Aber es ist mehr als das. Es ist eine tiefe, bedingungslose Liebe, die ich für dich empfinde. Sie hat eine andere Form als die Liebe einer Partnerschaft. Aber sie ist deswegen nicht „mehr“ oder „weniger“. Es gibt von Nena ein sehr schönes Lied. Darin heißt es:

Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist; Liebe sucht nicht, Liebe fragt nicht, Liebe ist, so wie du bist.

Wir sollten damit aufhören, Liebe zu klassifizieren oder kleinzureden. Nenn es so, wie dein Herz es dir sagt.

Versuche niemanden zu besitzen

Du kannst keinen Menschen besitzen. Und du solltest auch nicht den Anspruch haben, dies zu tun. Wenn du einmal Kinder haben solltest, dann liebe sie. Aber lass sie auch frei. Deine Partnerschaft geht auseinander? Dann kämpfe nicht egoistisch um dein Kind, indem du den Kontakt zum anderen erschwerst. Es ist ein Wunsch aus meiner eigenen Erfahrung, doch er betrifft dich genauso: Ein Kind braucht Mutter und Vater gleichermaßen.

Auch deine PartnerInnen solltest du niemals besitzen wollen. Achte hier auf deine Gefühle. Ein Besitzanspruch entwickelt sich manchmal sehr subtil. Dann merkst du nicht einmal, wie du dein Gegenüber unbewusst einschränkst. Und wie du ihm die Luft zum Atmen nimmst. Das beste Gegenmittel: Erlaube dir selbst so viel Freiheit wie möglich. Dann kommst du auch weniger in Versuchung, über andere bestimmen zu wollen.

Feier deine Gefühle

Es wird dir nicht immer nur gut gehen im Leben. Es mag sich komisch für dich anhören: Aber auch jene Gefühle, die wir normalerweise meiden, haben ihr Gutes. Wenn wir weinen und wütend sind, dann leben wir. Es ergibt einen Sinn, dass Trauer und Freude so eng beieinanderliegen. Ein weiser Mann hat einmal gesagt:

Sadness gives depth. Happiness gives height. Sadness gives roots. Happiness gives branches. Happiness is like a tree going into the sky, and sadness is like the roots going down into the womb of the earth. Both are needed, and the higher a tree goes, the deeper it goes, simultaneously. The bigger the tree, the bigger will be its roots. In fact, it is always in proportion. That’s its balance.

Mir begegnete einmal eine Übung, in der man sich bewusst von einer Emotion zu einer völlig anderen bewegte. Mit einem Wechsel innerhalb von Sekunden. So wie ein Schauspieler. Was zunächst lustig aussah endete in einer äußerst intensiven Erfahrung.

In unserem Alltag vergessen wir oft, uns unverstellt auszudrücken. Zumal es verpönt ist, Gefühle öffentlich zu zeigen. Wie schade. Begreife deine emotionalen Bedürfnisse als Chance. Sie zeigen dir, dass du voller Lebendigkeit bist. Wenn du nicht in ihnen verhaftet bist und achtsam bleibst.

Träume.

Was sind deine Träume? Erfüllst du sie dir? Auch deinen Sinn im Leben wirst du nur dann finden, wenn du Träume zulässt und Freiheit verspürst. Es gibt ein schönes Buch zu dieser Frage: „Das Café am Rande der Welt“. Vielleicht liest du es einmal. Ich schenke es dir gerne.

Du wirst geliebt

Du hattest keinen leichten Start ins Leben, aus vielerlei Gründen. Und doch war da von Beginn an Liebe. Liebe für dieses kleine, viel zu zarte Mädchen, das die Ärzte schon aufgeben wollten. Ich sehe dich noch in meinem Arm liegen, winzig und verwundbar. Du hast dich durchgekämpft. Und das machst du auch heute noch.

Schon früh hast du gestrahlt und gelacht. Es brauchte wenig, um dich glücklich zu machen. Und doch waren da die Nächte, in denen du bitter weintest. Auf meinem Arm, auf unseren Armen bist du dann wieder eingeschlafen. Du brauchtest viel Nähe. Und die haben wir dir von Herzen gerne gegeben. Vergiss nie, dass du geliebt bist. Von uns und von anderen Menschen, die noch kommen werden. Aber auch von jenen, die nicht da sein konnten.

Für dich da

Wenn du erwachsen wirst, dann stürmen viele Eindrücke auf dich ein. Doch keine Sorge. Dein Herz als dein Kompass wird dich führen. Lass es strahlen, dann wird alles gut. Unabhängig von dem, was ich hier geschrieben habe, wünsche ich dir nur Eines: dass du deinen Weg findest.

Wie auch immer dein Leben aussehen wird, du bist nicht alleine. Ich bin für dich da, wir sind für dich da. Zu jeder Zeit. Egal was passiert. Von hier aus, oder von einem anderen Ort, den wir noch nicht kennen.

In Liebe, dein Papa.


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Bilder: Dawid Zawiła, Sasha Freemind, Nicolas Moscarda, Khongor Ganbold, Annie Spratt, Yasmine Boheas, Daniele D’Andreti, Bernard Hermant, Stefan Gessert, Melissa Askew

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6 Kommentare

  1. Wow, das sind soviele wunderbare Worte, die mich so tief berühren, ich danke dir dafür ! Und für die Erinnerung an die Erkenntnis, dass ich mir so lange so sehr gewünscht habe, all das von meinem Vater und meiner Mutter zu hören – und inzwischen endlich erkannt und verstanden habe, dass ich mir selber all das täglich sagen darf. Was für ein Geschenk! ❤️🙏🏻

    1. Danke für deine Worte. Ich bin froh, zu einer Generation zu gehören, die solche Sätze wieder leichter über die Lippen bekommt. Das war auch in meiner Familie nicht immer einfach. Doch ich kann es verstehen und annehmen..

      Wie heilsam war es dennoch, dies von meinen Eltern zu hören vor einigen Jahren. In einer kurzen aber nicht minder herzlichen Form. Und ja: All das können wir uns selbst täglich sagen. Eine gute Idee! Das geht im Alltag manchmal unter 😉 Liebe Grüße an dich

  2. Danke, danke. Deine Worte sind für mich ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk. Danke Toll und tief berühren mich Deine Worte.
    Liebe Grüße von Herz zum Herz Heike

  3. Sehr, sehr schön geschrieben. Ein Artikel, den man jeder Tochter gerne vorlesen möchte. Ich finde es sehr berührend, dass sich immer mehr Männer für diesen Weg der Heilung und Achtsamkeit öffnen und sich mit ihren Gefühlen auseinander setzen. Wo hast du dein tantrisches Jahrestraining gemacht?

    1. Danke! Ja, gerade am Anfang fällt das nicht leicht. Zumal auch meine Familie nie gelernt hatte, sich mit intensiven Emotionen auseinanderzusetzen. Aber gerade das Jahrestraining half mir da sehr.

      Ich habe es bei Bjørn Thorsten Leimbach und Leila Bust gemacht (LoveCreation): https://www.tantra.de/tjt1/. Bjørn ist mit seinen Aussagen teilweise umstritten. Doch für mich war er perfekt. Ich war früher viel zu verschüchtert und hatte viel zu wenig Selbstbewusstsein, um meinen tantrischen Weg zu gehen. Er brachte mich aus meiner Komfortzone. Und gerade die Energiearbeit war für mich großartig.

      Die Massage-Ausbildung mache ich bei Michaela Riedl in Köln. Auch dabei habe ich noch einmal eine deutliche Entwicklung gespürt. Quasi als Ausgleich und Ergänzung zum sehr fordernden Jahrestraining..

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