In einem Seminar nimmt mich eine Teilnehmerin beiseite. Die Frage, die sie auf den Lippen hat, fällt ihr sichtlich schwer. „Sag mal, bei all dem Tantra, hast du eigentlich auch noch ganz normalen Sex?“. „Aber Hallo!“, hätte ich am liebsten ausgerufen. Die Antwort war dann doch etwas komplizierter. Was ist normaler Sex, und was tantrischer? Wo fängt das eine an, hört das andere auf? Und macht eine Unterscheidung überhaupt Sinn?

Hinter der Frage nach Tantra versus Sex verbirgt sich die Vermutung oder auch der Mythos, man könne mit tantrischen Erfahrungen in ganz neue Gefilde der Sexualität vordringen, die das alte obsolet machen. Mehr Heiligkeit quasi. Ja, durch tantrische Praxis habe ich meine sexuelle Bewusstheit deutlich gesteigert. Und ja, ich erfahre in manchen Momenten eine Ekstase, für die ich heute noch keine Worte finde. Für mich persönlich ist es eine Erfahrung spiritueller Natur. Gelernt – wenn man das so sagen kann – habe ich all dies in Seminaren. Und in viel Hausarbeit. Aber jede erfüllte sexuelle Begegnung kann göttlich sein, ob nun mit sich selbst oder zusammen mit einem Partner. Nicht immer, aber immer öfter. Vereinfacht gesagt gehe ich mit deutlich mehr Bewusstheit in meine Lust. Manche sagen auch Slow Sex dazu.

Doch wie kommt man dahin? Zunächst einmal ist es hilfreich, wenn du dich und deinen Körper bewusster wahrnimmst, genauso wie deine eigene Sinnlichkeit. Je nach Konditionierung durch Pornos & Co. kann es eine Weile dauern, bis dieser Zustand erreicht ist. Tantra Massagen sind ein gutes Hilfsmittel hierzu, gerade in der Anfangsphase. An alleinige oder gemeinsame Höhenflüge kannst du erst dann denken, wenn du wieder mehr ins Spüren kommst.

Meine Sexualität hat sich durch Tantra stark verändert. Aber ich habe weiterhin normalen Sex, bei dem es zur Sache gehen darf und soll. Nichts mit Heiligkeit. Ein Leben ohne diese animalische Seite, wie ich sie nenne, wäre für mich langweilig. Aus der Bezeichnung göttlicher oder tantrischer Sex klingt nicht selten ein Dogma heraus: Du sollst nur achtsamen, spirituellen, bedachten oder regelkonformen Sex haben. Vergiss es, solange beide daran Freude haben. Bis auf das achtsame vielleicht. Denn sich und den anderen wirklich zu spüren, das kann bei keiner sexuellen Vorliebe schaden. Für mich bedeutet die tantrische Lebensweise, eben genau keine Vorgaben zu machen. Schon gar keine moralischen.

Es gibt ihn, den göttlichen Sex. Aber du brauchst dazu keine bestimmten Vorgaben, keine Haltung oder gar Technik erlernen. Es gibt ihn in vielen kleinen Momenten und Begegnungen, die mit Lust und Liebe erfüllt sind. Tantra hilft dir dabei, deinen Körper bewusster wahrzunehmen. So lernst du, deine sexuelle Kraft besser zu spüren und sie nach und nach auszudehnen. Aber alles andere ist bereits da, in dir.

Ich freue mich über deinen Kommentar oder deine Fragen, am Ende des Beitrags. Du willst über zukünftige Artikel informiert werden? Dann folge NachSpüren auf Facebook, Instagram oder über den Newsletter.

Bilder: Markus Spiske, Peter Hershey @ Unsplash

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.