Nicht wenige Männer und Frauen hadern mit ihrer sexuellen Vergangenheit. Auch ich bin nicht immer stolz darauf, wie ich meine Intimität früher lebte. Und doch brauchte ich diese Erfahrungen. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Vom steinigen Weg zur achtsamen Sexualität.

Es braucht oft viele Anläufe, um mehr Achtsamkeit in die eigene Sexualität zu bringen. Das betrifft selbst jene Menschen, die in diesem Umfeld arbeiten. Genau deswegen teile ich meine Erfahrungen. Dieser Beitrag soll zeigen, dass ein Wechsel jederzeit möglich ist. Egal wie deine bisherige sexuelle Biografie aussieht.

Der nachfolgende Text ist inspiriert von Hanna Krohn und ihrem Blog splitterfasern. Dessen Protagonisten erlauben einen sehr intimen Einblick in ihr Liebesleben. Im gegenseitigen Austausch gelingen gegenseitige Impulse, aber auch die Heilung so mancher Wunden. Und ein Ausblick darauf, was eine Sexualität ausmacht, die uns wirklich erfüllt.

Der Anfang

Ich war schon sehr früh sehr neugierig, was meine eigene Sexualität betrifft. Allerdings lange Zeit für mich alleine. Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht? Da bin ich ein klassischer Spätzünder. Zu groß wiegte die Unsicherheit. Ich fühlte mich in der Pubertät alles andere als wohl in meinem Körper. Dementsprechend war mein Bild von Sex recht spannungsgeladen und diffus. Die körperlichen Reize der Frauen kannte ich hauptsächlich aus dem Quelle-Katalog. Pornos waren zum Glück noch nicht frei verfügbar.

Meine Selbstliebe lebte ich oft, schnell und verschämt – so wie viele Jungs. Wir Männer neigen dazu, unser bestes Stück recht grob und einseitig zu behandeln. Das kommt nicht von ungefähr. Ich wurde in der Schule aufgeklärt, von meinen Lehrern. Es war alles andere als hilfreich. Das wenige, was ich verstand, fand ich peinlich. Die Prahlereien der anderen Jungs machten es nicht besser. Sie gaben damit an, wen sie schon alles „rumbekommen“ hätten. Pures Wunschdenken, aber das wusste ich damals nicht. Und so wuchs die Befangenheit immer weiter.

Wenn du Kinder hast, dann kläre sie auf. Sonst lernen sie Sexualität heutzutage nur aus Filmchen der übelsten Sorte – auf dem Schulhof. Und das ist fatal. Jungen und Mädchen denken auf diese Weise, sie müssten von Beginn an jede Spielart mitmachen. Sie messen sich an einer Performance-orientierten Akrobatik, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Später dauert es dann Jahre, den Zauber zurück in die Sexualität zu bringen.

Zeige ihnen stattdessen die Alternativen auf. Hier ein kleines Beispiel, wie das aussehen kann. Es gibt mittlerweile auch gute Bücher zum Thema, die weder angestaubten Aufklärungsunterricht noch billige Bravo-Sensation enthalten. Diese sind jedoch stets nur ein zusätzliches Hilfsmittel. Es geht nichts über das achtsame und vor allem ehrliche persönliche Gespräch.

Bedürftigkeit

Die Folge meiner jugendlichen Erfahrungen war eine tiefe Bedürftigkeit. Das ist nicht nur sehr anstrengend, es führt gleichzeitig zu noch mehr Ausgrenzung. Menschen – insbesondere Frauen, wenn du ein Mann bist – wenden sich von dir ab. Typische Anzeichen für die Bedürftigkeitsfalle sind:

  • Du willst möglichst allen Menschen um dich herum gefallen
  • Dein Selbstbewusstsein ist sehr gering
  • Du suchst ständig die Aufmerksamkeit von Frauen bzw. Männern und fragst dich, ob sie Interesse an dir haben
  • Gleichzeitig lässt du nichts unversucht, um dich ins rechte Licht zu rücken, und um gesehen zu werden

Das Schlimmste jedoch: Dieses Leiden ist äußerst hartnäckig. In mühevollem Training gelang es mir, meine Bedürftigkeit zunächst einmal zu erkennen. Um sie dann nach und nach abzulegen. Dabei wurde mir klar, wie stark diese Phase mein Leben geprägt hat. Ein Beispiel: Durch die Bedürftigkeit verliebte mich regelmäßig ausgerechnet in jene Frauen, die am unnahbarsten waren. Dementsprechend wuchs das Bedürfnis nach einer Partnerin immer mehr – was mich für das andere Geschlecht zunehmend unattraktiver machte.

Unwissenheit

Schließlich war sie doch da, meine erste Freundin. Sie nahm mich so, wie ich war – mit all meinen Unsicherheiten und Schrullen. „Das erste Mal“ war verkrampft, von meinen Zweifeln geprägt und nicht wirklich schön. Doch danach entwickelten wir ein Liebesspiel, das auf seine Art sehr aufregend und auch sehr bewusst war. Eine schöne Zeit.

Das kann ich von der Sexualität in den darauffolgenden Beziehungen nicht wirklich behaupten. Ich hatte es nicht gelernt, auf eine Frau einzugehen. Dementsprechend versuchte ich es mit dem Standard-Repertoire, das die meisten Männer und Frauen kennen. Es ist nicht deswegen eintönig, weil du die falsche „Technik“ beherrscht. Oder weil du nicht sämtliche Stellungen des Kamasutra im Schlaf abrufen kannst. Im Gegenteil. Lies hierzu meinen Beitrag zur achtsamen Sexualität.

Nicht einmal meine eigenen Bedürfnisse nahm ich wahr. Du kannst dich in einer Partnerschaft nur dann fallenlassen, wenn du dir in deiner Solo-Sexualität sicher bist. Und wenn dir möglichst viele Facetten deiner eigenen Lust klar sind. Im Nachhinein wundere ich mich, wie wenig ich auf meine Partnerinnen einging – vor allem aus meiner heutigen Perspektive heraus. Und diese beschwerten sich auch nicht: Beide Seiten waren es nicht gewohnt, über ihre Begieren und Wünsche zu sprechen. Ein Grundübel unerfüllter Intimität.

Im Porno-Modus

Es gibt noch eine weitere Ursache, warum ich so wenig achtsam vorging. Einige Jahre konsumierte ich zu viel Pornografie – teils scharf an der Grenze zur Sucht. Das Internet half mir dabei. Der ultimative Kick wartete scheinbar nur einen Mausklick weiter. Porno ist das Gegenteil einer achtsamen Sexualität. Denn die Massenware änderte meinen Blick auf Frauen. Während sie online in schier unendlicher Menge willig und verfügbar schienen, minderte sich gleichzeitig mein Interesse an realen Begegnungen. Ich brauchte immer mehr: Mehr Abwechslung, mehr Bilder, mehr Härte.

Wenn ich in einer Beziehung war, dann nahm ich die Bilder unbewusst mit in mein Programm auf. Nicht nur ich war damit überfordert, sondern auch meine Partnerinnen. Es ist keineswegs ein Problem, das nur Männer betrifft. Frauen leiden genauso unter dem Konsum von Pornos. Und es prägt ihr Männerbild. Wenn ich Frauen massiere, die mich bis dahin nicht kennen, spüre ich nach der Massage ab und an eine bestimmte Irritation. Eine offene Frage, die im Raum schwebt. Zwei Frauen gelang es, diese im Nachgespräch auszusprechen:

„Wie schaffst du es als Mann, dass du nach der Massage nicht automatisch Sex mit mir haben willst? Bei all der Spannung, die sich da aufbaut?“

Dass ausgerechnet ein Mann [sic!] intime Berührung geben kann, ohne wie eine Maschine über die Frau herzufallen, sorgt für Erstaunen. Mit dieser Frage werden wenig achtsame Liebesmuster sichtbar. Beide Seiten – Mann und Frau – haben sie tief verinnerlicht. Doch zurück zu der freien Verfügbarkeit von Pornos. Irgendwann zog ich glücklicherweise den Stecker. Heute verzichte ich ganz bewusst auf jede Form von Pornografie. Seither spüre ich wieder deutlich mehr. Für mich alleine aber auch in meiner Beziehung.

Etwas Neues beginnt

Mein Einstieg in die achtsame Sexualität war recht pragmatisch. Eines Tages entdeckte ich fast beiläufig, dass Mann einen Orgasmus haben kann, ohne zu ejakulieren. Ich war irritiert. Schließlich stellte das so ziemlich alles auf den Kopf, was wir über unsere Sexualität beigebracht bekommen. Und ich war neugierig. Also machte ich das, was man heutzutage in solchen Situationen tut: Ich bemühte Google.

Die einzige Gruppe, die meine Erfahrung nicht als Hirngespinst bezeichnete, war das tantrische Umfeld. Abgesehen von einigen selbsternannten Männer-Gurus, die so tun, als sei der Ganzkörper-Orgasmus ein rein technisches Unterfangen. Einfach monatelang den viel zitierten PC-Muskel trainieren? Oder das Versprechen, mit den fragwürdigen Tipps in kürzester Zeit zum besten Liebhaber der Welt zu mutieren? Zum Glück ist es nicht ganz so einfach.

Auf dieses Erlebnis hin holte ich mein Wissen über Sex und Achtsamkeit nach, das bis dahin erstaunlich übersichtlich war:

  • Ich verschlang Bücher zu Tantra und zu bewusster Sexualität
  • Gleichzeitig übte ich verschiedene Formen der Meditation (stille und dynamische Varianten)
  • Ich buchte erste tantrische Kurse mit dem Schwerpunkt der Persönlichkeitsentwicklung, absolvierte schließlich ein komplettes Jahrestraining
  • Dabei lernte ich erstmals die Tantra Massage kennen, demnächst schließe ich meine Ausbildung zum Tantra Masseur ab

Jeder einzelne Kurs, jede einzelne Begegnung darin lehrte mich einen neuen Aspekt der achtsamen Sexualität. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an all die wunderbaren Menschen, die mir ihr Vertrauen schenkten. Ohne sie gäbe es diesen Blog nicht. Durch die achtsame Sexualität ändert sich mein sinnliches Leben enorm. Es ist vielschichtiger, tiefer, klarer und sehr viel spürbarer. Zudem gehe ich im Alltag anders mit meinen Mitmenschen um. Ich habe das große Glück einer verständnisvollen, liebenden und offenen Partnerin an meiner Seite, die das alles mitträgt. Das ist keineswegs selbstverständlich.

Mittlerweile begleite ich selbst tantrische Ausbildungsgruppen, als Assistent im Team von Michaela Riedl. Und ich schreibe über meine Erfahrungen, bald auch in einem Buch zum Thema. Natürlich verfalle ich ab und an in meine alten Muster. Aber ich erkenne diesen Prozess und steuere ihn bewusst. Vielleicht kann ich gerade deswegen zur achtsamen Sexualität sprechen und schreiben, weil meine sexuelle Biografie beides kennt: Die Schatten, aber auch das Licht.

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Bilder: Warren Wong, Sergio Rodriguez, Nathan Anderson

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2 Kommentare

  1. Wir alle sind bedürftig und bleiben es auch ein Leben lang – es ist wunderbar und heilsam, diese Bedürftigkeit, die unserer Körperlichkeit innewohnt (Hunger, Durst, Berührung/Nähe, Schlaf…) und aus dem Mangel an emotionaler Nahrung (Liebe, Fürsorge, Geborgenheit) in unserer Kindheit entstanden ist, zu erkennen und nicht wild in den Topf unserer Sexuellen Wünsche zu werfen.

    Dann passiert, was du beschreibst. Heilsam und klar ist, meine Bedürftigkeit zunächst liebe- & verantwortungsvoll selbst zu versorgen. Dann kann ich mich in Intimität viel freier von Anspruch und Erwartung ganz dem sexuellen Abenteuer öffnen.

    1. Ja, die Erkenntnis ist der erste Schritt. Doch nicht bei jeder Bedürftigkeit ist es selbst-achtsam, darauf zu reagieren. Dann bleibt ein Spannungsfeld. Aber selbst das lässt sich liebevoll annehmen. In der Theorie gelingt das, und in der Praxis mit Training auch immer besser. Ungeduldige Menschen, wie ich es bin, haben dabei genügend Material zur Übung der Achtsamkeit ;))

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