Als Mann ist es schwierig, sich zum Thema Tantra zu outen. Wo Frauen nicht selten Bewunderung ernten, wenn sie sich ihren Freundinnen gegenüber öffnen, ist der Blick uns Männern gegenüber schon deutlich skeptischer. Tantra, diese „weiche“ Disziplin? Als Mann? Ernsthaft? Die eine Seite mutmaßt, es sei doch nur ein Alibi, um „einfach an Frauen heranzukommen“. Die andere spricht dem Hinspüren und der tantrischen Massage jede Männlichkeit ab. Erst Recht, wenn es um die Begegnung von Mann zu Mann geht. Die Vorbehalte kommen dabei von beiden Seiten, von Männern und Frauen.

Eines vorweg: Es ist nicht ganz einfach, sich dem Thema zu nähern, ohne komplett auf Klischees zu verzichten. Mir ist sehr wohl bewusst, dass Mann nicht gleich Mann und dass Frau nicht gleich Frau ist. Die Welt ist komplexer. Und doch sind mir in meinen Seminaren, die ich besuchen oder begleiten durfte, Dinge begegnet, mit denen männliche Teilnehmer immer wieder zu kämpfen haben. Genau davon will ich berichten, als Hilfestellung von Mann zu Mann. Denn das Interesse an tantrischer Arbeit ist bei uns Männern durchaus vorhanden.

Und es sind keineswegs nur in den Wolken schwebende Sanftgemüter, die ein Tantra-Seminar oder ein Jahrestraining mit tantrischen Wurzeln besuchen. Ich begegne vielmehr „echten Kerlen“, die sich ihren Gefühlen, ihren Emotionen und ihren Dämonen stellen: Familienväter, Manager, Sportskanonen. Sie alle eint der Vorsatz, deutlich mehr über sich und das spirituelle sowie sexuelle Mann-Sein zu erfahren, als es die elterliche Aufklärung oder Schulbücher bieten können. Und doch haben viele von ihnen mit den bereits genannten Vorbehalten zu kämpfen, und das sogar noch in den Seminaren selbst. Hier sind die Gründe sowie ein paar Tipps, die dich bei der Auswahl eines geeigneten Seminars unterstützen:

Argwohn

Nicht wenige Teilnehmerinnen von Tantra- oder auch Massage-Seminaren haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit der Männerwelt gemacht. Das reicht von wenig achtsamen und damit wenig männlichen Vorbildern oder Partnern bis hin zu deutlich schlimmeren Erlebnissen. Das daraus resultierende Misstrauen spürt man als Teilnehmer. Klarheit in der Kommunikation aber auch mit dir selbst sind in diesem Fall besonders wichtig. Achte auf deine eigenen Grenzen genauso, wie du es bei anderen tun würdest.

Ich habe in Tantra Seminaren nur selten wirklich unachtsame Männer kennengelernt, die das Prinzip der Absichtslosigkeit nicht verstehen. Umgekehrt gab es auch Frauen, welche die Grenzen der Männer überschritten. So oder so ist es enorm wichtig, dass die SeminarleiterInnen immer wieder dazu motivieren, sich der jeweils eigenen Limits bewusst zu werden, und diese auch klar zu äußern. Gerade bei einem Thema wie Tantra, bei dem Mann und Frau sich doch sehr weit öffnen.

„Weibliche“ Seminare

In einigen Bereichen – vor allem bei der Massage – ist Tantra eine hauptsächlich weibliche Disziplin. Für dich als Mann ist es nicht immer zielführend, wenn die Leitung und die Assistenz eines Seminars komplett oder hauptsächlich aus Frauen besteht. Zum einen wirst du dann nur wenig über deine eigene Sexualität erfahren. Zum anderen stellst du Frauen gegenüber nicht die gleichen Fragen, als in einer Männerrunde. Niemand von uns lässt gerne „die Hosen runter“. Schon gar nicht wenn es um sensible oder Tabu-behaftete Themen im Umgang zwischen Mann und Frau geht.

Ausgrenzung

Im schlimmsten Fall kommt es vor, dass einzelne oder mehrere Männer ausgegrenzt werden. Das passiert nur selten, aber es passiert. So etwas lässt sich auffangen – wenn die TrainerInnen schnell und sensibel reagieren, oder wenn im Team ein Mann vorhanden ist, der den Vertrauensverlust wieder auffängt. Die Benachteiligung oder gar die Herabwürdigung einzelner Personen steht den tantrischen Prinzipien diametral entgegen. Doch in Tantra-Kreisen menschelt es mitunter genauso, wie in jeder anderen Gruppe.

Kein Kontakt von Mann zu Mann

Wirklich schlimm ist solch eine Ausgrenzung nur dann, wenn sie nicht einmal von den teilnehmenden Männern erkannt und aufgefangen wird. Hier habe ich persönlich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht: In manchen Seminaren entsteht sehr schnell eine eingeschworene Männergemeinschaft, die Probleme in der Gruppe offen anspricht und konstruktiv löst – für beide Seiten, also für Männer wie Frauen. In anderen Runden bleiben die Männer seltsam reserviert, wenn es um das Miteinander mit dem eigenen Geschlecht geht. Es ist klar, welche dieser beiden Konstellationen ein deutlich erfüllteres Resultat liefert, und zwar für alle beteiligten Männer.

Übernimm die Initiative, wenn du dich für ein Seminar entscheidest: Achte nicht nur auf die weiblichen Teilnehmerinnen, selbst wenn das vermeintlich spannender und lukrativer zu sein scheint. Schließe dich möglichst schnell mit einigen Männern kurz, mit denen du „kannst“. Gehe aber auch auf Männer zu, die dir suspekt sind. Meist haben sie Anteile, die du bei dir selbst ablehnst, oder die du heimlich bewunderst. Vom Aufeinander-Zugehen profitiert die ganze Runde, denn andere Männer werden es dir gleich tun. Erfahrungen, die mich nachhaltig prägten, habe ich meist mit Männern gemacht. Egal ob bei Massage- oder sonstigen Tantra-Seminaren.

Meine Tipps für dich

Hier nun kurz und knackig mein Rat, wenn es für dich als Mann darum geht, einen Anbieter für ein Tantra- oder Massage-Seminar auszusuchen:

  • Es gibt Seminarreihen, die eher spiritueller Natur sind, bei anderen steht die Körperarbeit im Vordergrund. Frage dich vorab, wo deine Interessen aber auch deine Baustellen liegen, und wähle einen passenden Fokus.
  • Die meisten Anbieter haben ein Seminar für Einsteiger, oder auch Schnupperkurse und Kennenlernabende. Diese solltest du zwingend besuchen, bevor du dich für tiefergehende Seminare oder gar eine ganze Seminarreihe entscheidest. Denn nicht jedermann kommt mit jedem Anbieter und seinen Trainern klar.
  • Einige Kursleiter aus dem tantrischen Bereich haben Bücher zum Thema geschrieben. Lies dir diese vorab gut durch. Auch daraus kannst du erkennen, ob dir die Arbeitsweise und die Philosophie liegen. Oder anders formuliert: Wenn du mit dem Buch nichts anfangen kannst, wird dir das Seminar ebenso wenig zusagen.
  • Vorsicht vor Anbietern, die eher unbekannt sind oder über die du nur wenig herausfinden kannst. Auch im tantrischen Umfeld gibt es schwarze Schafe. Wenn möglich frage andere Männer, welchen Anbieter sie dir empfehlen können.
  • Ich würde als Mann kein Seminar buchen, bei dem das Trainerteam ausschließlich oder hauptsächlich aus Frauen besteht – siehe dazu die vorigen Abschnitte. Wähle besser gemischte Teams, sie vermitteln dir beide Aspekte des Tantra. Ich werde einer Frau niemals etwas zur weiblichen Sexualität erklären können – zumindest nichts, das in die Tiefe geht. Das gilt umgekehrt aber genauso.
  • Achte bei den männlichen Trainern darauf, dass sie für dich ein positives Bild von Männlichkeit vermitteln. Es soll keinesfalls ein Guru sein, aber ein Vorbild. Denn du erlaubst ihm, dich bei so wichtigen Themen wie Sexualität und Spiritualität zu prägen.

Und der fast wichtigste Hinweis: Überlege dir doch, zum Einstieg ein reines Männer-Seminar zu besuchen. Ich weiß, du bist wahrscheinlich neugierig auf das andere Geschlecht. Doch Männer sind in einem Seminar mit Frauen nicht authentisch. Wir alle versuchen dann, uns von der besten Seite zu zeigen und verkrampfen schnell – eine wirklichen Öffnung, um die es ja geht, ist somit nicht möglich.

In einem reinen Männer-Seminar wirst du dich deutlich tiefer und ehrlicher über deine männliche Sexualität austauschen. Und zwar über alle Aspekte – schöne ebenso wie schambehaftete. Wenn es doch ein gemischtes Training sein soll, dann frage nach, ob reine Männer- und Frauen-Runden bzw. -Tage vorgesehen sind. Diesen geschützten Raum benötigen wir genauso, wie die Frauen ihn brauchen. Wir gestehen es uns nur nicht immer ein. Ich kann dir versprechen: Du erfährst im Kreis der Männer mehr über dich und deine Beweggründe, als jemals zuvor.

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Bilder: Mpho Mojapelo, Joël de Vriend, Nikoloz Ergemlidze, Lucas Clarysse @Unsplash


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2 Kommentare

  1. Gute Einleitung und gute Tipps Michael, ich hab es in den Seminaren, die ich besucht habe, ähnlich erlebt, Männer die sich herzlich umarmen und auch miteinander üben , und Männer die die Berührungen mit einem andren Mann scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Denke mal es spielen viele alte Glaubenssätze eine große Rolle ( Erziehung , Vaterkonflikte soziales Umfeld ) und/ oder auch mangelnde Selbstliebe und Selbstbewusstsein, die Angst als Schwul oder Weichei zu gelten . Denke wenn Mann sich mehr mit sich selbst beschäftigt, sich mit positiven Dingen und Menschen umgibt , sich öffnet für neue Dinge und Veränderungen im Leben, sich für spirituelle Dinge interessiert, kann er wachsen / reifen und wunderbare neue Erfahrungen machen . Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen

    1. @Reinhold: Danke für deinen Kommentar. Wahrscheinlich kennen wir alle diese Glaubenssätze, mal mehr, mal weniger. Auch ich war in meinen ersten Tantra-Seminaren nicht an den Männern „interessiert“. Mit zunehmender Achtsamkeit ist mir mein eigeschränkter Blick zum Glück aufgefallen. So konnte ich ihn ändern, was mich sehr befreit.

      Auch das hatte mit vielen Emotionen und Glaubenssätzen zu tun: Konkurrenz gegenüber den Männern, Bedürftigkeit gegenüber den Frauen. Es hat lange gedauert, dies abzulegen. Heute habe ich wieder einen besten Freund, mit dem ich mich sehr intensiv über alle Themen austausche, und generell wieder mehr Kontakt zu Männern.

      Ich übe das fast täglich bewusst: Wenn ich unterwegs bin, schaue ich mir manchmal gezielt die Männer an, die ich treffe. Nicht mehr nur die Frauen. Es ist faszinierend, wie viel Kraft, Freude aber auch Trauer in diesen Gesichtern liegt. Es sind diese neuen Erfahrungen, wie du sie ansprichst, die uns verändern. Langsam aber stetig.

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