In Beziehungsdramen hört man oft Vorwürfe wie: „Er kann seine Gefühle nicht zeigen“. Oder: „Ich rede bei ihm wie gegen eine Wand“. Männer fühlen genauso intensiv wie Frauen, wenn sie sich darauf einlassen. Viele müssen sich den Weg dahin jedoch mühsam erarbeiten. Eine kleine Hilfestellung.

Wieso tun sich Männer überhaupt schwerer damit, ihre Gefühle zu erkennen und anzunehmen? Um sie anschließend auch äußern zu können? Männer bekommen unzählige Glaubenssätze mit auf den Weg. Durch gesellschaftliche Konventionen aber auch durch unsere Erziehung. Sie wirken über viele Generationen hinweg nach. Es sind Sätze wie:

  • Ein Mann hat keinen Erfolg, wenn er sich schwach zeigt
  • Ein Indianer kennt keinen Schmerz
  • Der Stärkere gewinnt
  • Männer müssen stets mit gutem Beispiel vorangehen
  • Ein Mann muss Emotionales mit sich alleine ausmachen

Du bist eine Frau? Und findest diese Sätze albern und antiquiert? Dann beobachte dich einmal selbst. Viele Frauen wünschen sich nach außen hin einen Mann an ihrer Seite, der Gefühle zeigt. Und der weinen kann. Doch unbewusst gewinnt am Ende nicht selten jener potenzielle Partner, der möglichst stark wirkt. Der also Gefühlsregungen erkennen lässt, die als typisch männlich gelten. Mehr hierzu in meinem Beitrag Ab wann ist ein Mann ein Mann?.

Warum du deine Gefühle brauchst

Als Mann ist es wichtig, dass du deine aktuelle Gefühlslage wahrnimmst. Beobachte, wann sich diese warum ändert. Dieses achtsame „Hinhorchen“ lässt sich Schritt für Schritt üben. Dazu später mehr. Wenn du deine Wahrnehmung schulst, dann erkennst du, welche äußeren Faktoren deinen Alltag prägen. Und warum du auf bestimmte Ereignisse so und nicht anders reagierst. Mit der Zeit steuerst du dein Leben damit deutlich aktiver.

Der Zugang zu deinen Gefühlen bringt dir zahlreiche Vorteile:

  • Du musst dich nicht mehr verstellen. Damit findest du Freunde und PartnerInnen, die tatsächlich zu dir passen.
  • Du erkennst deine Bedürftigkeit und kannst angemessen auf sie reagieren.
  • Du erweiterst deine Sexualität, weg von automatisierten Abläufen und hin zu mehr Lust.
  • Du lernst deine Bedürfnisse besser kennen und kannst dein Leben nach ihnen ausrichten. Egal ob privat oder beruflich.

Du willst deinen Alltag selbstbestimmt gestalten? So dass er dich erfüllt? Das wird dir erst dann gelingen, wenn du deine Gefühle kennst, akzeptierst und erweiterst.

Gefühle und Emotionen

Es ist wichtig, zwischen Gefühlen und Emotionen zu unterscheiden. Gefühle nimmst du in der Regel bewusst und im „Jetzt“ wahr. Bist du glücklich? Welche Färbung hat dieses Glück? Wie fühlt es sich an? Oder bist du traurig, wütend, ekstatisch, gelangweilt, sinnlich..? Was spürst du? Wie fühlt sich welcher Teil deines Körpers gerade an? Ist dir nach Lachen oder Weinen, Tanzen oder Schreien?

Es gibt dabei nicht wirklich „gute“ und „schlechte“ Gefühle. Alle Varianten haben ihre Berechtigung und ihren Sinn. Siehe meinen Text Von Trauer und Freude. Mit der Zeit wirst du lernen, deine Gefühle immer feiner zu unterscheiden. Denn es gibt unzählige Facetten von Glück, Freude, Trauer aber auch von Körperempfindungen etc.

Emotionen haben ihre Ursache meist tief in der Vergangenheit. Wir erleben sie eher unbewusst. Wenn du sehr emotional bist, dann reagierst auf ein Verhalten, weil es etwas in dir „antriggert“. Deswegen können Emotionen so trügerisch sein – sie haben oft wenig mit deinen aktuellen Bedürfnissen zu tun. Ein Beispiel: Du hast früher in einer Beziehung gelebt, die dich sehr eingeengt hat. Wenn dein neuer Partner oder die neue Partnerin unabsichtlich etwas tut oder sagt, was dich daran erinnert, dann erlebst du die gleiche Beklemmung oder Wut wie damals. Und dein Gegenüber versteht die Welt nicht mehr.

Achtsamkeit

Du kommst nur sehr schwer ins Fühlen? Oder du nimmst deine Gefühle erst dann wahr, wenn es bereits sehr emotional geworden ist? Der Schlüssel zu deinen Gefühlen ist die Achtsamkeit. Das Konzept dazu stammt aus dem Buddhismus. In der achtsamen Praxis versucht man, bewusster zu leben. Du beobachtest möglichst jeden Moment, ohne ihn zu bewerten.

Normalerweise beschäftigen wir uns die meiste Zeit des Tages mit unseren Gedanken. Wir hängen in der Vergangenheit fest. Indem wir etwas nachtrauern, oder indem wir wütend auf etwas sind, das längst geschehen ist. Wenn unser Gehirn dann noch freie Kapazitäten hat, dann machen wir uns Sorgen um die Zukunft. Achtsamkeit unterbricht genau diesen Teufelskreis. Du bist im Hier und Jetzt – körperlich aber auch geistig.

Es gibt unzählige kleine Übungen für ein achtsameres Leben:

  • Nimm bei einem Spaziergang 5 Minuten lang jeden einzelnen Schritt ganz bewusst wahr. Wie fühlt er sich wo in deinem Körper an?
  • Fokussiere dich 10 Minuten auf dein Ein- und Ausatmen. Beobachte jeden einzelnen Atemzug so genau wie möglich.
  • Spüre jeden einzelnen Strahl unter der Dusche, jeden Windhauch im Freien, nimm jede einzelne Blüte auf der Wiese wahr. Und wenn es anfangs nur für eine halbe Minute ist.
  • Schau dir morgens in der Bahn deine Umgebung genau an: Welchen Ausdruck haben die Menschen um dich herum? Wirken sie müde, glücklich, besorgt? Wer schenkt dir ein Lächeln?

Zugegeben: Zu Beginn ist die Praxis der Achtsamkeit sehr mühsam. Und man verliert sie sehr schnell wieder aus dem Fokus. Doch mit der Zeit stellt sie sich fast schon automatisch ein.

Ich selbst habe dem achtsamen Weg unglaublich viel zu verdanken – nicht nur den deutlich tieferen Zugang zu meinen Gefühlen. Für den Einstieg in die Achtsamkeit empfehle ich dir die Bücher von Jon Kabat-Zinn. Er hat die Philosophie an die Bedürfnisse der westlichen Kultur angepasst.

Meditation

Regelmäßiges Meditieren ist ein perfekter Weg, um sich in Achtsamkeit zu üben. Es gibt die klassischen Sitz- und Atem-Meditationen, aber auch angeleitete Varianten (mittels Hörbüchern). Ebenso bewegte Meditationen mit viel Körpereinsatz, die sich zur Durchführung in Gruppen eignen. Dazu stelle ich dir gleich noch einige Möglichkeiten vor.

Bei der Meditation in Stille passiert nach außen hin nichts, und im Inneren sehr viel. Vor allem dann, wenn du täglich meditierst:

  • Deine Gedanken geraten nach und nach in den Hintergrund
  • Du nimmst subtile Veränderungen in deinem Atem und deinem Körper wahr
  • Du erhältst einen neuen Zugang zu deinem Bewusstsein
  • Gegebenenfalls vertieft sich dein spirituelles Empfinden

Du schaffst es nicht, eine halbe Stunde oder eine Stunde pro Tag zu meditieren? Dann fang mit 10 Minuten an. Suche dir einen geschützten und ruhigen Raum dafür. Später wirst du es schaffen, selbst unterwegs oder in der Bahn zu meditieren.

Setze dich nicht unter Druck: Zu Beginn oder auch regelmäßig zwischendurch wirst du von deinen Gedanken überwältigt. Werte das nicht. Und kehre immer wieder zu deinem Atem zurück. Mir hat das Buch mit CD „Meditation für Anfänger“ von Jack Kornfield sehr geholfen. Ebenso seine geführten Reisen „Meditationen für schwierige Zeiten“.

Dynamische Meditation

Du willst und brauchst es lebhafter? Stumm und unbewegt auf einem Kissen zu sitzen treibt dich in den Wahnsinn? Es geht auch anders. Es gibt eine Reihe von aktiven Meditationen. Sie gehen teilweise auf den Philosophen Osho oder auf buddhistische Lehren zurück. Du kannst sie praktizieren, auch wenn du keinen spirituellen Hintergrund hast. Die Meditationen haben gemeinsam, dass sie sehr viel Energie in dir aufbauen. Dadurch wirst du insgesamt „fühliger“. Hier ein kleiner Überblick der wichtigsten Arten:

  • Dynamische Meditation: Eine sehr kraftvolle Variante mit verschiedenen Phasen. Manche TeilnehmerInnen finden sie körperlich äußerst anstrengend. Sie eignet sich unter anderem gut dazu, angestaute Emotionen wie Wut oder Trauer zu kanalisieren. Dazu solltest du die Meditation aber unter fachkundiger Anleitung durchführen.
  • Kundalini Meditation: Bei dieser Ausprägung geht es ruhiger zur Sache. Du baust im Alltag viel Anspannung in deinem Körper auf? Dann hilft dir die Kundalini Meditation. Für Einsteiger sieht sie zunächst etwas befremdlich aus, doch sie ist sehr energetisch. Die Kundalini kannst du auch gut alleine durchführen.
  • Herz-Meditation: Diese Meditation gibt es in unterschiedlichen Formen. Sie ist auch unter dem Namen „Herz Chakra Meditation“ bekannt. Eine ruhige und erfüllende Form. Sie ist eher für Menschen geeignet, die bereits einen spirituellen Zugang haben.

Idealerweise lernst du die aktiven Meditationen in einer Gruppe kennen, um sie „richtig“ durchzuführen. In den meisten größeren Orten gibt es entsprechende private Meditationskreise. Oder du nutzt ein tantrisches Training, dazu gleich noch mehr. Teilweise werden Varianten wie die Dynamische Meditation aber auch von Volkshochschulen oder Yoga-Studios angeboten. Achte auf Anbieter, die dir nicht gleich ihre Philosophie „mitverkaufen“ wollen.

Arbeiten in der Gruppe

Zusammen mit Gleichgesinnten bist du motivierter, um dich deinen Gefühlen zu stellen? Dann eignet sich ein tantrisches Jahrestraining oder eine ähnliche Form der Selbsterfahrung. Auch hier solltest du schauen, dass der Anbieter zu dir passt. Und dass er seriös ist. Solche Trainings gibt es rein für Männer, aber auch in gemischten Gruppen – je nachdem, welchen Spiegel du eher brauchst, um an deine Gefühle und Emotionen heranzukommen.

Die angeleiteten Gruppen arbeiten mit unterschiedlichsten Methoden – von praktischer Körperarbeit über aktive Meditationen bis hin zu therapeutischen Ansätzen. Ein kleines Beispiel: In dem Jahrestraining, das ich besuchte, begegnete mir eine solche Übung. In dieser bewegt man sich bewusst von einer Gefühlslage zur jeweils völlig anderen. Und das innerhalb von Sekunden. Also etwa von Wut zu Liebe zu Trauer und wieder zurück. Was am Anfang wie ein amüsantes Schauspiel anmutet, das wird schnell „Ernst“ – und zu einer äußerst intensiven Erfahrung.

Im Alltag ist der Ausdruck von Gefühlen oder gar Emotionen meist nicht erwünscht. Dann vergessen wir, uns unverstellt auszudrücken. Von daher sind solche Selbstreflektionen eine große Chance. Sie zeigen dir, dass du voller Lebendigkeit bist. Und dass du es trainieren kannst, deine Gefühle wieder wahrzunehmen. Ganz so, wie du es als Kind getan hast.

Tantra Massage

In deinen Körper und zurück ins Spüren zu kommen hilft dir ebenfalls dabei, bewusster zu fühlen. Bei einem Berührungscoaching oder einer Tantra Massage passiert genau dies. Du kannst sie von einer Frau empfangen, aber auch von einem Mann. Die Erfahrung ist unter Männern noch einmal eine komplett andere. Sie kann noch mehr in die Tiefe gehen, da die erotische Spannung in den Hintergrund rückt (je nach deiner sexuellen Ausrichtung natürlich). Manchen Männern hilft das, sich komplett auf die eigene Körpererfahrung zu konzentrieren.

Eine Tantra Massage ist eine sehr intensive Erfahrung. Sie bringt dich mit starken Gefühlen in Kontakt. Lust kann dabei ebenso auftreten wie unterschiedlichste andere Emotionen, auch im Wechsel. Etwa tief verwurzelte Trauer, Wut, Ekstase bis hin zur tiefen Entspannung. Seriöse Tantra Massagen begleiten dich intensiv und schrittweise bei diesem Prozess. Du hast Fragen hierzu? Stelle sie in den Kommentaren am Ende des Beitrags, gerne auch unter Pseudonym.

Alltägliche Übungen

Es gibt unzählige weitere Ansätze, die dich ins Fühlen bringen. Von Musik machen über Wandern, Gartenarbeit, das Schweigekloster bis hin zu Yoga, Tai Chi oder progressiver Muskelentspannung. Du kannst nach und nach ausprobieren, was sich für dich persönlich am besten eignet. Ohne eine vernünftige Grundlage ist dir damit jedoch nicht geholfen. Erst wenn du dich in Achtsamkeit übst – mit einer der zuvor vorgestellten Methoden – wirst du deine Gefühle wieder besser wahrnehmen. Und zwar in allem, was du tust.

Egal für welche Variante du dich entscheidest: Gib nicht vorschnell wieder auf. Und setze dich nicht unter Druck. Meine ersten Yoga-Stunden fand ich grauenhaft. Die Art der Lehrerin passte für mich nicht. Später – unter anderer Anleitung – hatte ich sehr viel schneller einen Zugang. In diesem Sinne wünsche ich dir viel Freude und Erfolg beim Hinfühlen.

Der Text gefällt dir? Du willst etwas zurückgeben oder dich beteiligen? Blogs wie dieser leben von der Diskussion. Ich freue mich über deinen Kommentar oder deine Fragen, am Ende des Beitrags. Du willst über weitere Artikel informiert werden? Dann folge NachSpüren auf Facebook, Instagram oder über den Newsletter.

Bilder: Andrew Neel, Steve Barker, Kunj Parekh, Todd Trapani, Jed Adan

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.