Wie ist der weibliche Blick auf Pornografie? Und was macht das mit der Gesellschaft? Die Autorin Anna Gien befasste sich jüngst im Zeit Magazin mit dieser Frage. Künstlich geschaffenes Verlangen ist zum Normalzustand geworden – bei Mann und Frau, bei Jung und Alt. Es ist klar, dass uns dies verändert. Wie genau, darüber streiten sich die Experten trefflich.

Eine der Erkenntnisse aus dem Beitrag: Die meisten Frauen, die von der Autorin befragt wurden, schauen sich Pornos an, sie identifizieren sich jedoch nicht mit deren Protagonisten. Weder mit den Männern, die eher als dumpfes Werkzeug dienen, noch mit den Frauen. Die virtuell aufgebaute Erregung basiert hauptsächlich auf Distanzierung. Jeder von uns, der regelmäßig Pornografie konsumiert (hat), kennt wohl das kuriose Phänomen: Man möchte Spüren, ohne Nähe zu sich oder zu anderen zuzulassen. Ein paradoxes Unterfangen.

Man fragt sich zwangsläufig, was der Konsum mit einem Menschen anrichtet, der – wie etwa die Autorin aber auch unzählige andere – seit seinem zwölften Lebensjahr mit dieser Form von Sexualität aufwächst, und sie zum Vorbild hat.

Das volle Programm

Was macht Porno mit uns Männern, und was macht es mit den Frauen.. Diese Frage bringt mich zwangsläufig zu einer anderen, die nur entfernt damit zu tun haben scheint, die aber doch in die gleiche Richtung weist. Wenn ich in meiner Ausbildung Frauen massierte, die mich bis dahin nicht kannten, spürte ich nach der Massage ab und an eine bestimmte Irritation. Eine offene Frage, die für einen kleinen Augenblick im Raum schwebte. Nur zweien gelang es, diese im Nachgespräch zu äußern:

„Wie schaffst du es als Mann, dass du nach der Massage nicht automatisch Sex mit der Frau haben willst? Bei all der Spannung, die sich da aufbaut?“

Dass ausgerechnet ein Mann [sic!] intime Berührung geben kann, ohne automatisch das volle Programm abspielen zu müssen, sorgt für Erstaunen. Das liegt sicherlich nicht nur an den Fleisch gewordenen Befriedigungs-Maschinen im Netz, die mit ständiger Verfügbarkeit locken. Mit dieser Frage werden Lebens- und Liebesmuster sichtbar, die beide Seiten – Mann und Frau – tief verinnerlicht haben. Vielleicht trennen wir auch deswegen das Spüren von der Nähe ab. Es schützt uns davor, tiefer zu gehen.

Tantra versucht einen Weg bereitzustellen, um diese Muster neu zu ordnen – sehr verkürzt formuliert. Und das ohne Pornografie an sich zu bewerten. Als mir die oben genannte Frage „Wie schaffst du es als Mann..“ zum ersten Mal gestellt wurde, war ich selbst irritiert. Zu sehr prägt die professionelle Ausbildung die strikte Trennung zwischen Massage und dem, was darüber hinausgehen würde. Noch mehr: In der Massage passiert so viel Wunderbares, auch bei den Gebenden, dass für mich ein „danach“ keine Rolle spielt. Heute freue ich mich, wenn die EmpfängerInnen ihre Verwunderung äußern. Egal welcher Art diese sein mag. Denn in dem Gespräch, das sich daraus ergibt, lernen beide Seiten dazu.

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Bilder: Anna Sastre, Charles Deluvio @ Unsplash

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