Als ich diese Reise vor etwa vier Jahren begann, war mir nicht bewusst, wo sie mich hinführen würde. Dementsprechend weiß kaum jemand aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis, womit ich mich in meiner Freizeit beschäftige. Wochenlange Abwesenheiten während eines tantrischen Jahrestrainings oder meiner Ausbildung – ich erklärte sie unverfänglich mit Meditationsreisen. Meine Leute mussten sich wundern, weshalb ich nicht schon längst erleuchtet bin, bei so viel innerer Versenkung.

Tatsächlich war ich – neben dem Meditieren – meist höchst aktiv. Doch wie erklärt man der Familie, den Freunden oder gar im Arbeitsumfeld, dass man sich nicht dem geduldigen Sitzen, sondern dem höchst bewegten Tantra und der Massage widmet? Zu schwer wiegt so manches Vorurteil, zu sehr hängen dem dazugehörigen Umfeld wahlweise die Etiketten ungehörig, esoterisch, abgehoben, sektenähnlich, weichgespült oder überhaupt unaussprechlich an.

Yoga – klar. Meditieren – von mir aus. Qi Gong, Thai Chi & Co. – kann ja nicht schaden. Aber warum ausgerechnet Tantra? Die Berührungsängste sind da, und sie haben unterschiedliche Gründe:

  • Über alles, was mit Sexualität und Sinnlichkeit zu tun hat, wird nicht oder kaum gesprochen.
  • Tantra hat bei vielen ein Schmuddel-Image. Bedingt durch die zahlreichen schwarzen Schafe, die mit Tantra werben, aber Prostitution verkaufen.
  • Mann und Frau wissen nicht genau, was im Rahmen einer Massage passiert, oder was Tantra überhaupt ist. Erschwerdend kommt hinzu: Es gibt keine eindeutige Definition. Das westliche Tantra hat viele Sub-Strömungen. Das Angebot reicht von rein spirituellen Erfahrungen, in der körperliche Nähe kaum oder gar nicht gefragt ist, bis hin zu eindeutig sexuellen Ausrichtungen.
  • Als Mann ist es noch schwieriger, diese „weiche“ Disziplin als Gebender auszuüben. Die eine Seite mutmaßt, es sei doch nur ein Alibi, um „einfach an Frauen heranzukommen“. Die andere spricht der hinspürenden Massage jede Männlichkeit ab. Erst Recht, wenn es um die Massage von Mann zu Mann geht.

Ich habe das große Glück, eine verständnisvolle, offene und neugierige Partnerin zu haben, die das alles mitträgt. Das ist keineswegs selbstverständlich. Ich bin genügend SeminarteilnehmerInnen begegnet, welche für ihre Selbstverwirklichung einen hohen Preis zahlen mussten – von eifersüchtigen Streitereien Zuhause bis hin zur Trennung.

Wie soll man sich erklären?

Und in meiner Familie? Da wurde nie viel über emotionale Dinge gesprochen. Schon gar nicht über Intimes. Ich bin in Baden-Württemberg auf dem Land aufgewachsen. Nach jahrelanger Diaspora im sündigen und weltoffenen Berlin, wo Tantra & Co. fast schon zum guten Ton gehören, sowie im erstaunlich offenen Schleswig-Holstein und Hamburg bin ich nun zurück im „Ländle“. Das macht es nicht einfacher. Ich weiß von Tantra-Massagepraxen hier in der Umgebung, die sich bis heute verstecken, aus Sorge vor den Mistgabeln. So schlimm ist es natürlich nicht. Hinzu kommt: Der Freiburger Laissez-faire strahlt aus, zumindest ins westlich gelegene Umland Richtung Frankreich, dahin wo ich wohne.

Beruflich ist es noch komplizierter: Ich komme aus einem deutlich verkopfteren Umfeld, innerhalb der sogenannten Business-Welt. Der „gute Ruf“ ist da nicht ganz unwesentlich. Mit einem allzu bunten Hobby sammelt man kaum Pluspunkte – ich muss und will jedoch meine kleine Familie ernähren. Wer nach mir googelt (und das tun meine Auftraggeber und potenzielle Arbeitgeber durchaus), der findet mich sehr schnell. Der einzige Fluch eines Namens, der ungleich „Hans Meier“ oder „Peter Müller“ ist. Ich könnte diese Seite anonym betreiben, doch das ist rechtlich nicht zulässig. Impressumspflicht. Zudem will ich mich nicht mehr wegducken.

Klar ist, es gibt kein Muster oder keine Vorlage, wie ein Tantra Outing aussehen könnte. Dafür hängt dieses zu sehr von den individuellen Bedingungen ab. Während die einen von Anfang an sehr offen mit ihrer Profession umgehen, halten sich andere bedeckt. Zu groß ist die Angst vor einer Stigmatisierung. Regionale Befindlichkeiten spielen ebenso eine Rolle, wie das familiäre und berufliche Umfeld. Ganz zu schweigen von den gesetzlichen Vorgaben, welche die Tantra-Massage in die Nähe der Prostitution rücken. Ich bin gespannt, welche Bahnen mein Outing nehmen wird.

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Bilder: Dallas Reedy, Andreas Dress, Wolfgang Kuhnle @ Unsplash

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2 Kommentare

  1. Hallo Michael,
    durch die Adressenliste vom letzten Tantramassage-Seminar bin ich auf deine Seite gekommen.
    Du sprichst mir aus dem Herzen. Mit dem Beitrag vom sich Outen. Mir geht es genauso, Arbeitskollegen und ein Großteil aus meiner Familie wissen nicht was ich so nebenher mache. Ich habe ja auch noch über mehrere Jahre eine Schamanische- Therapeutische und Systemische Ausbildung gemacht und jetzt möchte ich, wie Du, mich zum Tantramasseur ausbilden lassen. Das erklär mal erst Menschen, die genau solche Vorurteile haben wie Du sie beschrieben hast.
    Trotzdem habe ich aber den Mut bedingt durch die persönliche Entwicklung der schamanischen Ausbildung,
    mich öffentlich zu machen. Sprich wir haben eine Webseite, wie Du. Ich bin googlebar und werde sofort gefunden. Ja und demnächst werde ich die Seite erweiterten um den Punkt Tantramassage.
    Im Moment würde ich niemanden direkt davon erzählen, aber wenn sie über andere Wege davon erfahren, werde ich damit umgehen können.
    Auch ich bin froh, dass ich eine Frau habe, die mit mir den gleichen Weg geht und alles mitträgt. Es gibt aber auch inzwischen viele Menschen die ich kenne, die ihren Horizont erweitert haben oder offen dafür sind und bei denen man sich austauschen kann, als wäre das alles das normalste auf der Welt…
    Ich werde meinen… diesen Weg weitergehen… den Weg zu meinen heiligen Traum des Lebens…
    Liebe Grüße Ralf

    1. Schön, von dir zu hören. Es macht mir Mut, wenn andere – so wie du – von den gleichen Herausforderungen berichten. Ich finde es Klasse, dass du dich damals mit deiner schamanischen Arbeit getraut hast – da gibt es sicherlich ganz ähnliche Vorbehalte. Und ich hatte sie ja selbst auch, früher, in meinem „alten“ Leben. Vielleicht können wir mit unserem Schritt noch mehr MitstreiterInnen dazu ermutigen, zu sich und ihrer Profession zu stehen. Ich sehe gerade: „Der Begriff Profession ist vom lateinischen professio abgeleitet, was als „öffentliches Bekenntnis“ … zu übersetzen ist“. Na das passt doch. Ich wünsche dir und deiner Frau viel Erfolg mit eurer Arbeit!

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