Unzählige Menschen fühlen sich nicht wohl mit ihrem Körper. Das betrifft Frauen und Männer gleichermaßen. Eine befreite Sexualität ist so nur schwer möglich: Viele schämen sich, oder sie vermeiden gar intime Kontakte. Tantra kennt mehrere Wege, mit dieser Last umzugehen. So kannst du nach und nach dein Körperempfinden verbessern. Und du lernst, dich besser zu akzeptieren.

Ich selbst haderte viele Jahre mit meinem Aussehen und mit meinem Körper. Ursache war eine sogenannte körperdysmorphe Störung. Menschen, die darunter leiden, beschäftigen sich übermäßig oft mit ihrem Körper. Sie fühlen sich entstellt, obwohl andere Menschen den scheinbaren Makel nicht erkennen. Oder ihm deutlich weniger Stellenwert einräumen. Aber es kann auch andere Gründe für Körperscham geben. Du versuchst, ein vermeintliches Schönheitsideal zu erreichen? Oder du hast unschöne Erfahrungen mit Mobbing gemacht? Das prägt dein Verhalten. Im schlimmsten Fall kann dies bis hin zur Zwangs- und Essstörung gehen.

Mit Tantra gegen die körperdysmorphe Störung

Tantra war für mich eine große Hilfe, um aus diesem Tal herauszukommen. Natürlich gehört noch mehr dazu: Zuvor machte ich eine spezialisierte Verhaltenstherapie. Sie heilte mich und half mir dabei, mich meiner Dysmorphophobie zu stellen. Ohne diese Vorbereitung hätte ich nie den Mut besessen, mich bei einem Jahrestraining anzumelden. Und ich hätte es wohl auch nicht durchgestanden. Aber es waren die anschließenden tantrischen Kurse, die mein Körpervertrauen wieder vollkommen herstellten.

Wie kann Tantra dazu beitragen, deine Körperscham zu besiegen? Es gibt mehrere Ansätze:

Achtsame Umgebung

Die Basis von Tantra ist Achtsamkeit. Das Konzept dazu stammt aus dem Buddhismus. In der achtsamen Praxis versucht man, bewusster zu leben. Du beobachtest möglichst jeden Moment, ohne ihn zu bewerten. In tantrischen Seminaren wird eine Achtsamkeit der Präsenz aber auch der Akzeptanz gelehrt.

Die TrainerInnen seriöser Anbieter haben jederzeit ein Auge darauf, dass dieser Rahmen gehalten wird. Sie begegnen jedem Teilnehmer mit dem gleichen Respekt. Und sie vermitteln dir, dass dein Körper von dir verehrt werden darf – und von anderen verehrt wird. Genau so, wie er ist. Das ist für Menschen mit körperdysmorphen Zügen anfangs oft nur schwer erträglich. Doch es wirkt nach.

Konzentration auf die Empfindungen

In den Übungen stehen deine Körperempfindungen im Fokus, und nicht dein äußeres Erscheinungsbild. Nach und nach lernst du auf diese Weise, den Fokus deiner Gedanken neu zu „programmieren“. Es ist reine Übungssache, so wie bei der Meditation: Zunächst wirst du von einer Flut an Gedanken, Gefühlen und Emotionen überwältigt, die sich rund um dein Äußeres drehen.

Doch dann konzentrierst du dich auf das, was dein Körper empfindet. Du kehrst zurück ins Spüren. Was anfangs nur wenige Minuten oder gar Sekunden gelingt, das kann bald bis zu mehreren Stunden andauern. Genau so überwand ich meine körperdysmorphe Störung: Ich trainierte, meinen inneren Fokus umzulenken. Weg von der Körperscham und hin zu positiven Empfindungen.

Vielfalt der Männer und Frauen

In tantrischen Seminaren begegnet dir eine unglaubliche Vielfalt an Menschen. Es sind keineswegs nur in den Wolken schwebende Sanftgemüter, die ein Tantra-Seminar oder ein Jahrestraining mit tantrischen Wurzeln besuchen. Als Mann begegne ich „echten Kerlen“, die sich ihren Gefühlen, ihren Emotionen und ihren Dämonen stellen: Familienväter, Manager, Sportskanonen. Und doch bringen alle ihr persönliches Päckchen mit. Unsicherheiten, die aus unschönen Erfahrungen unterschiedlichster Art resultieren.

Bei den Frauen ist es genauso. Sie alle eint der Vorsatz, deutlich mehr über sich und das spirituelle sowie sexuelle Mann- bzw. Frau-Sein zu erfahren, als es die elterliche Aufklärung oder Schulbücher bieten können. In meiner Ausbildung lernte ich, wie vielfältig die Menschen sind. Und welch faszinierendes Werk ein Körper ist – egal ob dick, dünn, groß oder klein.

Du wirst dort Personen begegnen, die genauso befangen sind, wie du es bist. Aber gleichzeitig auch Menschen, die mit sich im Reinen sind. Und das obwohl sie weder Adonis noch Aphrodite sind. Diese Frauen und Männer haben oft eine faszinierende Ausstrahlung. Sie ziehen die anderen in ihren Bann. Du erkennst ihre Schönheit, die nichts mit Gardemaßen oder dem Alter zu tun hat. Das erdet und prägt dich.

Die Scham überwinden

Es gibt Tantra-Trainings, bei denen die Spiritualität im Vordergrund steht. Aber auch Varianten, die eher körperlicher Natur sind. Sie dienen dazu, deiner Sexualität wertfrei zu begegnen und deinen Körper neu kennezulernen. Nur so kannst du antrainierte Muster loslassen, die mit alten Glaubenssätzen und Scham zu tun haben. Und die deiner naturgegebenen Lust im Wege stehen.

Je nach Seminar gibt es dort einen ganz selbstverständlichen Umgang mit deinem Körper. Und auch mit teilweiser oder kompletter Nacktheit. Für Menschen mit Körperscham ruft diese Vorstellung großes Unbehagen hervor. Doch genau dieser unbekümmerte Umgang mit Nacktheit half mir dabei, mich zu befreien und den Schutzpanzer abzulegen. Andere Teilnehmer, für die der Schritt genauso schwierig war, motivierten mich. Der Rahmen dabei ist und bleibt geschützt: Gute Anbieter führen dich Schritt für Schritt durch den Prozess der Öffnung.

Und sie werden dir niemals etwas aufzwingen, was du nicht möchtest. Ich selbst habe schon Männern und Frauen eine Tantra Massage gegeben, die nicht unbekleidet sein wollten. Die Wirkung geht genauso tief. Gehe langsam und mit Bedacht vor. Teste zunächst ein Seminar, bei dem du dich nicht „nackig“ machen musst, bevor du den nächsten Schritt wagst.

Das Selbstvertrauen stärken

Auch wenn du Tantra weniger freizügig angehen willst: Gerade in den Jahrestrainings sind zahlreiche Übungen enthalten, die dein Selbstverständnis und dein Selbstvertrauen stärken. Der Zusammenhalt in der Gruppe ist dabei ein wichtiger Hebel. Für die meisten Einheiten wählst du dir einen Partner bzw. eine Partnerin. Dein Gegenüber aber auch die Gruppe hält dir den Spiegel vor und gibt dir wichtiges Feedback.

Wie nehmen andere Menschen dich wahr? Was schätzen sie an dir? Welche Potenziale erkennen sie? Die Antworten sind sehr oft überraschend. Nicht wenige Menschen mit Körperscham werden von anderen als selbstbewusst erlebt, teils sogar als arrogant. Schließlich hast du jahrelange Übung darin, deinen Panzer zu stärken und die Fassade zu wahren.

In manchen TeilnehmerInnen wirst du dich wiedererkennen. Sie teilen die selben Ängste wie du, haben sehr ähnliche Erfahrungen im Leben gemacht. Hier können tiefe Freundschaften entstehen. Sie tragen dich über das Seminar hinaus und bieten dir auch in der Zukunft eine ehrliche Projektionsfläche.

Tantra Massage

„Mit der Tantra-Massage wird das Göttliche in jedem Körper verehrt“. Als ich diese Aussage das erste Mal hörte konnte ich nur wenig damit anfangen. Und das trotz meines spirituellen Hintergrunds. Mittlerweile ist mir die Bedeutung klar. In einer seriösen Massage erfährst du eine Wertschätzung, die dich auf so vielen Ebenen berührt. Und die dir ein neues Körperempfinden ermöglicht. Auch das ist ein wichtiger und heilsamer Schritt zur Überwindung deiner Körperscham.

Lass dich zunächst von jemandem massieren, bei dem es dir leichter fällt. Frauen wählen hierfür meist eine Masseurin, weil sie sich nur ungern dem anderen Geschlecht gegenüber zeigen. In einem weiteren Schritt kann es sehr befreiend sein, eine Massage durch einen Mann zu empfangen. Viele Frauen berichten, dass sie dabei eine absichtslose Verehrung spüren, die sie so bislang nicht durch das männliche Geschlecht kannten. Und dass dies eine sehr prägende Erfahrung war.

„Mut zum Mann“ gilt ebenso für Männer: Meine erste Massage von einem Mann war eine äußerst heilsame Erfahrung! Denn ich hatte das Gefühl, mich weniger verstellen zu müssen. Wie auch immer du dich entscheidest: Sprich im Vorgespräch deine Unsicherheiten an. Die Masseurin/der Masseur wird eine Form der Massage finden, die in die Tiefe geht, und die dennoch deine Wünsche berücksichtigt.

Was denkst du darüber? Welche Fragen hast du? Nutze einfach die Kommentarfunktion am Ende des Beitrags – auch anonym. Du willst über weitere Artikel informiert werden? Dann folge NachSpüren auf Facebook, Instagram oder über den Newsletter.

Bilder: Annie Spratt, Kim Sammut, Alexander Krivitskiy, Lucija Ros

Beteilige dich an der Unterhaltung

2 Kommentare

  1. Sehr schön und treffend beschrieben, lieber Michael! Wünsche dir ein schönes und vor allem liebevolles neues Jahr! Liebe Grüsse, Dagmar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.