Ja, ich habe es getan. Und ich kenne kaum jemanden, der nicht auch schon Tinder, Bumble und andere Online-Datingportale ausprobiert hat. Was macht die Liebe per Mausklick mit uns? Und wo tricksen die Anbieter? Ein Selbstversuch.

Zugegeben: Tinder fasziniert. Wie alle Dienste, die nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren. Ich sehe Frauen aus meiner näheren Umgebung, die ebenfalls auf der Suche nach einem Partner sind – oder nach einem unverbindlichen Abenteuer. Durch links swipen (Wischen) am Smartphone gebe ich der Frau ein „Nein“, rechts swipen bedeutet „Ja gerne“. Wenn beide sich gegenseitig „liken“, dann ergibt das ein „Match“. Und erst dann kann man miteinander chatten. Und sich verabreden.

Neugierde und Voyeurismus

Tinder & Co. bedienen deine Neugierde ebenso wie die Hoffnung, aber auch den Voyeurismus. Kritiker sagen, Liebe in Zeiten von Tinder sei vollkommen oberflächlich. Denn alleine das Aussehen deines Gegenübers entscheidet, ob du ihr oder ihm eine Chance gibst. Klar kann man sein Profil um eine Beschreibung ergänzen. Doch kaum jemand liest diese. Hier zählt Geschwindigkeit. Schließlich steigt mit jedem „Wisch“ die vermeintliche Chance, auf den Traumpartner zu stoßen.

Ich selbst darf nicht allzu laut unken, schließlich habe ich meine Partnerin über Tinder kennengelernt. Und doch manipuliert uns die virtuelle Brautschau gehörig. Das Grundproblem all dieser Börsen: Der Auswahlprozess basiert auf Algorithmen, die niemand von uns durchschauen oder gar kontrollieren kann.

Insofern lenken die vielen Kriterien, die Tinder & Co. zur Auswahl möglicher PartnerInnen bieten, vom Grundproblem ab. Dir wird nur vorgegaukelt, dass du eine selbstbestimmte und transparente Wahl hast. Ein kleines Beispiel:

  1. Ich installiere einen der Dienste. Und schon werden mir täglich neue Frauen vorgeschlagen, denen ich angeblich gefalle. Mein Herz hüpft.
  2. Doch ich sehe die potenziellen Dates nur verpixelt – vor dem schnellen Zugriff liegt die Bezahlschranke. Also entschließe ich mich für ein Abo.
  3. Kaum habe ich bezahlt, da nimmt die Anzahl neuer „Likes“ plötzlich rapide ab.
  4. Sie steigt erst wieder an, als der Ablauf meines Abonnements näher rückt.

Die Liebe ist durchoptimiert. Wieso sollte es dann nicht auch die Gewinnmaximierung der Anbieter sein? Ob mir die tier- und kinderliebe Sandra (37) vorgeschlagen wird oder die lebenslustige Kira (28) oder keine der beiden, das liegt alleine an der Laune von Tinder, Bumble, Lovoo, Badoo etc. Extra-Funktionen – die natürlich ebenfalls Geld kosten – und nervige Push-Nachrichten versprechen mir stets und ständig, dass das Glück nur noch einen weiteren Wisch oder Klick entfernt ist. Und dass ich meine Liebe zuverlässiger finde, wenn ich Geld ausgebe.

Spiel mit der Begierde

Die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Und dennoch sind die meisten NutzerInnen ein leichtes Opfer, selbst wenn wir das nicht gerne zugeben. Die Apps spielen sehr geschickt mit unseren Sehnsüchten und Begierden, aber auch mit unserer Bedürftigkeit. Für einige wird das schnell zur Sucht, ähnlich wie der übermäßige Smartphone-Konsum. Dann sitzt du in jeder freien Minute da und „swipest“, statt etwas Vernünftiges zu tun. Weitere Nachteile der schnellen digitalen Liebelei:

  • Vernünftig wäre es etwa, hinauszugehen und zu flirten. Doch das verlernt man recht schnell. Der Klick ist scheinbar effizienter und erfordert weniger Mut.
  • Wichtige Merkmale der klassischen Partnerwahl fallen im ersten Schritt weg. Etwa ob du eine Anziehung spürst, ob also die Chemie stimmt.
  • Alle Portale haben mit Fake-Profilen zu kämpfen. Diese gaukeln dir nur vor, dich kennenlernen zu wollen. Du hast keine Ahnung wer bzw. welche Interessen sich dahinter verbergen.
  • Photoshop oder geschönte Profiltexte sorgen dafür, dass du dein Gegenüber beim echten Date manchmal zweimal anschauen musst, um Gemeinsamkeiten zu erkennen.

Für Introvertierte kann Onlinedating durchaus hilfreich sein – wenn sie sich bewusst darüber sind, dass die Portale nur in Teilen die Realität widerspiegeln. Dazu gleich noch ein Tipp.

Andererseit sehen sich jene, die das Ganze nicht als lustiges Spiel sehen, ständig neuen Enttäuschungen ausgesetzt: Du bekommst kaum Matches. Oder das virtuelle Date ist plötzlich einfach weg, obwohl ihr intensiv geschrieben habt. Dann verschwendest du nicht nur Zeit, sondern bleibst frustriert zurück. Und machst es am anderen Geschlecht fest. Im schlimmsten Fall hast du mit einem Phantom kommuniziert. Gib also niemals zu persönliche Informationen preis, solange du deinem Gegenüber nicht in die Augen sehen kannst.

Es kommt zu Treffen in der Realität? Diese sind nicht selten eine herbe Enttäuschung. Du solltest Tinder & Co. also nicht nutzen, wenn dein Selbstbewusstsein eher schwach ausgeprägt ist. Denn dann gibst du dir selbst die Schuld, und nicht den Algorithmen. Eine bessere Alternative für schüchterne Zeitgenossen sind die klassischen Online-Partnerbörsen, die ohne „Match“ auskommen. Dort kannst du potenzielle Kandidatinnen direkt anschreiben. Gehe trotzdem mit Bedacht vor – selbst hier sind nicht alle Profile echt oder authentisch.

Verlust an Achtsamkeit

Für mich persönlich die enttäuschendste Einsicht meines Versuchs: Der Spaß beim Swipen geht zu Lasten der Achtsamkeit. Wenn ich auf Tinder unterwegs bin, dann erwische ich mich teils bei folgenden Gedanken:

  • „Ganz schön mutig/beschämend, sich so unvorteilhaft zu präsentieren“
  • „Ist das ein Fake-Profil? Sie sieht eher aus wie ein Callgirl“
  • „Spaß würde ich mit ihr haben. Aber nicht mehr.“
  • „Wer solch einen Profiltext schreibt, der kann nicht sonderlich intelligent sein“
  • „Wie unreif sie ist“

So und ähnlich geht es mir durch den Kopf, ohne mein Gegenüber auch nur irgendwie zu kennen, oder ihr eine Chance zu geben. Frauen werden ähnlich respektlose Gedankenspiele kennen, wenn sie ehrlich zu sich sind. Etwa dann, wenn sie ihren Freundinnen die kuriosesten und peinlichsten Profile präsentieren – was bei manchen durchaus üblich ist. Das bedeutet: Wir stufen die Frau oder den Mann bei Tinder als Ware ein, die jederzeit verfügbar ist. Weniger als Individuum. Menschen lassen sich zum Glück nicht auswählen wie in einem Katalog. Doch die oberflächliche Handhabung der Dienste suggeriert uns genau das.

Ja, wir haben heute bei der Partnersuche viel mehr Auswahl. Und wir können potenzielle GefährtInnen kennenlernen, denen wir früher nicht begegnet wären. Doch ist das all die Nachteile und den Verlust an gegenseitigem Respekt wert? Im „echten Leben“ gehen wir immer seltener auf Menschen zu. Um sie so kennezulernen, wie sie nunmal sind. Ich bin mir sicher: Es wird auch zu Tinder & Co. eine Gegenbewegung geben. Mit bewussten Begegnungen, bei denen wir uns weniger verstellen müssen. Und bei denen wir mehr Achtsamkeit und Nähe zulassen.

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Bilder: Erik Mclean, Julia Kuzenkov, Karina Tess

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