Der Markt für Sexspielzeug boomt. Längst gibt es nicht nur normale Dildos und Vibratoren. Spezielle Geräte versprechen den ultimativen Kick, von „gefühlsechter“ Klitoris-Stimulation bis hin zum G-Punkt-Wunder. Einige sollen gar bessere Dienste leisten als das menschliche Vorbild. Doch können Sex Toys auch gefährlich werden? Sinkt das Empfinden, machen sie taub oder gar abhängig? Und wie spürst du wieder mehr?

Auf Instagram stieß ich jüngst auf einen Kanal, der Frauen den richtigen Umgang mit den kleinen Helferlein zeigt. Das ist durchaus amüsant. Und solange es hilft, Sexualität weniger schambehaftet und offener werden zu lassen.. Andererseits vermitteln solche Anleitungen manchmal den Eindruck, der Grad der Erfüllung richte sich nach Anzahl und Raffinesse der zur Verfügung stehenden Werkzeuge. Können nur jene die absolute Ekstase erfahren, deren abschließbares Fach im Schlafzimmer am größten ist? Die also eine ganze Armada vorweisen, vom App-gesteuerten Druckwellenstimulator bis hin zum geäderten Doppel-Vibrator mit Sweetspot-Funktion und 24 Programmen?

Ich will nicht falsch verstanden werden. Sex Toys sind toll. Mit ihnen kannst du neue Regionen erforschen, dein Liebesleben auffrischen, deine Bedürfnisse kennenlernen, für dich sorgen oder überhaupt mutiger in der Sexualität werden. Wie so oft macht es die Dosis aus. Denn ein überbordender Einsatz wirkt schnell toxisch.

Höhepunkt

Im Netz kursieren gar Gerüchte über ein „Dead Vagina Syndrom“: Kann Sex-Spielzeug deine Vagina gefühlstot machen, oder gar dauerhaft schädigen? ÄrztInnen und SexualtherapeutInnen sind sich einig: Das ist Unfug. Allerdings gehen sie gleichzeitig davon aus, dass die maschinelle Stimulation durchaus das Empfinden beeinträchtigt, wenn sie:

  • Zu häufig beziehungsweise ohne Abwechslung erfolgt
  • Andauernd zu kräftig ist
  • Nach und nach ein immer stärkerer Reiz aufgebaut wird
  • Sich auf die immer gleiche Region fokussiert, etwa ausschließlich auf die Klitoris

Dann kann es beispielsweise sein, dass du mit deiner Hand, mit anderer Stimulation oder beim Sex weniger spürst. Oder dass du ohne Gerät nicht mehr zum Orgasmus gelangst. Viele Frauen und Männer haben sich sanfte Bewegungen – und damit sanfte Empfindungen – regelrecht abtrainiert. So fehlt dir ein extrem wichtiger Baustein in deiner Gefühlspalette. Im schlimmsten Fall kann durchaus eine Art Abhängigkeit entstehen, ähnlich wie bei der Sucht nach Pornos. Entscheidend hierbei ist jedoch, ob du einen Leidensdruck verspürst, oder nicht. Es gibt kein objekives „Zu viel“ beim Einsatz von Sexspielzeug. Solange es dir Spaß macht, genieße es.

Wenn dich der Einsatz der Helferlein jedoch einschränkt, oder wenn er sich irgendwann dumpf anfühlt, solltest du genauer hinschauen. Tantra-Masseure und -Masseurinnen begegnen immer wieder Frauen, die bei der Yoni-Massage nicht viel spüren. Hakt man im Vor- oder Nachgespräch genauer nach, dann spielt der regelmäßige Gebrauch von Vibratoren durchaus eine Rolle. Vor allem dann, wenn die Nutzung sehr einseitig erfolgt, oder wenn der Höhepunkt nur noch mit diesem möglich ist. Die gute Nachricht: Diesen Gewöhnungseffekt kannst du ebenso gut auch wieder abtrainieren. Dazu gleich mehr.

Scheide

Es gibt noch ein ganz anderes Problem: Sex Toys sind meist auf Geschwindigkeit getrimmt. Manche Hersteller werben mit „extrem intensiven“ und „besonders schnellen“ Orgasmen. Das baut Druck auf. Doch vor allem: Wieso sollten die schönsten Empfindungen der Welt eine Sache von Sekunden sein? Wieso sollte also „la petite mort“, der kleine Tod, so plötzlich über die Bühne gehen?

Im Tantra und in der Tantra Massage versucht man genau das Gegenteil. Eine solche dauert nicht selten drei Stunden oder mehr. Viele erfahren dabei eine unglaubliche Vielfalt bislang unbekannter Empfindungen. Sie gehen so sehr in die Tiefe, dass der klassische Höhepunkt nicht zwingend sein muss – das „Vorspiel“ bringt Erfüllung. Maschinen hingegen arbeiten stetig auf die Entladung hin. Das ist nichts Schlimmes. Die meisten vergessen jedoch, den Weg dahin zu genießen. Dann ist der Tod wirklich sehr klein.

Egal ob nun mit den Fingern oder einem Toy, ob mit Orgasmus oder ohne: Lass dir Zeit, spüre hin und sei achtsam. Wie lässt sich die Sensibilität darüber hinaus wieder erhöhen? Hier ein paar Anregungen:

  • Mache bewusst eine Pause von deiner Spielzeugkiste. Eine Woche oder einen Monat. Probiere, ob und wie du dir mit deinen ureigensten Mitteln Lust verschaffen kannst, und wie neue oder vergessene Empfindungen dazukommen.
  • Sei verspielt und kreativ in dieser Zeit. Nutze Federn, Pinsel, die Dusche, den Schwamm oder alles, was du sonst noch finden kannst in deinem Haushalt. Experimentiere mit verschiedenen Intensitäten der Berührung.
  • Erkunde zusätzlich jene Regionen, die bislang nicht im Fokus standen. Wir alle – Frauen wie Männer – haben nicht nur eine, sondern Tausende erogene Zonen. Den Ohrläppchen-Orgasmus gibt es tatsächlich.
  • Lass dich auf das Experiment einer Tantra Massage ein. Achte dabei auf einen seriösen Anbieter. Es gibt kaum einen besseren Weg, zurück ins Spüren zu kommen.

Welchen Tipp du auch befolgen willst, gehe mit Freude an deine Reise. Lass dir von keinem Hersteller einreden, dass es eine Frage des richtigen Werkzeugs ist, wie intensiv du dein Liebesleben empfindest.

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Bilder: Sharon McCutcheon, Alex Hiller, Charles Deluvio @Unsplash

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