Vorurteile rund um die männliche Sexualität? Die gibt es sehr häufig. Frauen und Männer machen sie sich gleichermaßen zu eigen. Und sie halten sich hartnäckig. Maskuliner Sex gestaltet sich von Natur aus rein triebgesteuert, unachtsam, zielorientiert und schnell? Das beste Stück des Mannes ist weniger komplex? Zeit für ein wenig Aufklärung.

Wir alle kennen „männliche“ Muster, die nur wenig mit einer achtsamen Sexualität zu tun haben – genauso wie es derlei Muster bei Frauen gibt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Unsere Sozialisation, eine mangelhaften Aufklärung, fehlende positive Vorbilder oder auch die Welt der Pornos. Doch nicht selten spielen Vorurteile eine ebenso unrühmliche Rolle, wenn es um die männliche Sexualität geht. Hier meine Top 10, geschrieben für Männer und Frauen gleichermaßen.

1. Männer sind einfacher gestrickt

Männer wollen immer nur das eine, und das möglichst oft und viel? Am besten ohne große Emotionen und Nähe? Ich persönlich kenne keinen Mann, den das glücklich machen würde. Die männliche Sexualität ist keinesfalls einfach(er). Und sie lässt sich auch nicht verallgemeinern. Männer machen sich – bewusst oder unbewusst – genauso Gedanken darüber:

  • Wird mich eine intime Begegnung erfüllen? Oder wird sie mich verletzen?
  • Kann ich meinen Mann stehen? Mag sie (oder er) meinen Körper?
  • Kann ich die Erwartungen der Frau erfüllen?
  • Muss ich mich für meine Wünsche schämen?
  • Wie sieht Ekstase aus?
  • Diese paar Sekunden Orgasmus, war das schon alles?

Wir Männer sprechen meist nicht oft und nicht gerne über unsere Sexualität. Auch nicht untereinander. Das ist wahr, und es ist schade. Ich selbst musste lange üben, um gute Freunde oder meine Partnerin einzubeziehen. Darüber zu schreiben ist eine noch größere Hürde – doch es befreit.

Wenn ich mich mit anderen Männern über Sexualität unterhalte, dann sind sie zu Beginn manchmal da, die „starken Sprüche“. Doch danach wird es schnell fein, tiefgründig, divers, überraschend und vor allem verletzlich. Der Spruch „Männer wollen doch immer nur das eine“ wird dem nicht gerecht. Er verschließt, wo Öffnung notwendig wäre.

2. Der Lingam ist nicht so vielschichtig

Als ich die Massage von Yoni und Lingam (Sanskrit: weiblicher und männlicher Intimbereich) lernte, dachte ich zunächst: „Na das mit dem Lingam kann ja so schwer nicht sein“. Mittlerweile weiß ich es besser. Nicht nur, dass die Lingam Massage eine Vielzahl an Griffen kennt, die sich alle unterschiedlich anfühlen (in der Regel bedient sich der Masseur oder die Masseurin nur einem kleinen ausgewählten Teil davon).

Mit ein wenig Training nimmt ein Mann feinste Unterschiede im Spüren seiner unzähligen erogenen Zonen wahr. An und rund um seinen Lingam, aber auch bezogen auf den restlichen Körper. Wusstest du, dass:

  • Es rund um das Frenulum eine Zone gibt, die der Clitoris der Frau ähnelt, und die tiefe Ekstase ermöglicht?
  • Dass manche ExpertInnen die Prostata – die sich auch von außen massieren lässt – für das Pendant des G-Punkt halten?
  • Oder dass die Eichel feinste Strukturen und Energien in der Vagina wahrnehmen kann?

Letzteres funktioniert natürlich nur, wenn wir unser bestes Stück nicht fortlaufend zu grob und zu einseitig behandeln. Du kannst dich als Mann selbst nicht gut spüren? Oder du bist ein sehr kontrollierter Mensch? Dann lies dir meine Beiträge Berührungen zulassen und Schöner selbst berühren durch.

3. Ein Mann lässt keine Emotionen zu

Jeder Mann reagiert bei einer Tantra Massage anders. Und längst nicht immer steht dabei die Lust im Vordergrund. Ebenso können tief verwurzelte Trauer, Wut, Ekstase aber auch spirituelle Erfahrungen zutage treten. Oder man ist mit seiner ureigenen männlichen Kraft und mit seinem Herz verbunden – etwa bei einer Massage von Mann zu Mann. In den Seminaren, die ich begleiten darf, sehe ich immer wieder, wie sich Männer öffnen. Dann sind sie keineswegs distanzierter als Frauen.

Es sind nicht nur in den Wolken schwebende Sanftgemüter, die ein Trainings mit tantrischen Wurzeln besuchen. Ich begegne vielmehr „echten Kerlen“: Da sind gestandene Familienväter, Manager, Sportskanonen. Sie stellen sich ihren Gefühlen, ihren Emotionen, ihrer Bedürftigkeit und ihren Dämonen. Dabei eint alle der Vorsatz, deutlich mehr über sich und ihre Sexualität zu erfahren, als es die elterliche Aufklärung oder Schulbücher bieten können.

In reinen Männer-Runden gelingt diese Öffnung meist deutlich schneller und intensiver. Denn hier müssen wir uns nicht verstellen, brauchen niemandem etwas zu beweisen. In derlei Runden stelle ich immer wieder fest, wie sehr das „starker Mann spielen“ unseren Alltag prägt. Sobald Frauen hinzukommen, verhalten sich viele Männer völlig unterschiedlich. Ich selbst nehme mich da keineswegs aus. Du bist ein Mann und willst dich deinen Emotionen gegenüber öffnen? Dann versuche dies zunächst im Kreis der Männer. Dort bist du deutlich authentischer.

4. Es gibt nur einen männlichen Orgasmus

Mann kann einen Orgasmus haben, ohne zu ejakulieren. Wenn ich Männern und Frauen davon berichte, dann schaue ich immer wieder in tief erstaunte Gesichter. Mittlerweile weiß ich, dass es sehr viele Formen des männlichen Höhepunkts geben kann:

  • Den „klassischen“ Orgasmus, aber auch jenen ohne Ejakulation
  • Solche, die von der Prostata ausgehen
  • Eine energetische Ekstase, die du in einzelnen Bereichen spürst, etwa in der Bauch- oder Herz-Region
  • Höhepunkte, die den gesamten Körper erfassen
  • Sehr tiefgehende geistige Erfahrungen

Gerade letztere haben nur noch wenig mit dem altbekannten Bild vom klassischen Männer-Orgasmus zu tun. Du musst keineswegs eine spirituelle Person sein, um die hier aufgeführten Bewusstseinszustände zu erreichen. Übe dich eine Weile in der achtsamen Sexualität und in bewussteren Berührungen. Dann erweitert sich dein sexuelles Spektrum von ganz alleine.

Bei der Frau sprechen einige vom klitoralen-, G-, A- oder gar U-Punkt-Orgasmus. Das klingt nicht nur sehr technisch, es setzt viele Frauen unter Druck. Auch als Mann löst du dich am besten von jeglichen Vorstellungen und Vorgaben. So wirst du Dinge spüren, für die du keine Worte hast – und auch nicht brauchst. Gehe ohne Zwang und Druck vor, also ohne Orgas-Muss. Der Weg ist manchmal schöner als das Ziel.

5. Männer können immer

Als ich jünger war, entsprach die Sexualität meinem Alter: Es ging schnell und ungestüm zur Sache. Das ändert sich mit der Zeit. Nun gehe ich es langsamer an – und genieße die Vorteile. Zudem akzeptiere ich, dass ich keineswegs immer Lust habe. Es gibt viele „Killer“ der männlichen Libido: Stress, Depressionen, Porno-Sucht, die eigene oder fremde Erwartungshaltung, Körperscham.

Ich selbst hatte Phasen, in denen „nicht mehr viel ging“. Das bereitete mir große Angst. „Was, wenn ich meine Lust für immer verloren habe? Wenn ich keine Frau mehr richtig befriedigen kann?“. Solche und ähnliche Gedanken schwirren dir dann durch den Kopf. Man gerät in eine Abwärtsspirale. Denn es versteht sich von selbst, dass durch die Angst neuer Stress entsteht, und damit ein zusätzlicher Lustkiller.

Wenn du Single bist, dann lerne dich und deine Sexualität neu kennen. In diesem Blog findest du zahlreiche Hinweise, wie eine Intimität für Männer aussehen kann, die nicht auf Leistungsdenken basiert. Du bist in einer Beziehung? Dann kannst du hoffentlich auf eine verständnisvolle Partnerin bzw. einen verständnisvollen Partner zurückgreifen. Vom weichen Eindringen bis hin zum gemeinsamen Austausch gibt es viele Möglichkeiten, die aus Frust wieder Lust werden lassen. Und vergiss nicht: Jegliche „Pannen“ im Bett lassen sich mit einer Prise Humor prima bewältigen. Habt Spaß, und zieht kein Programm ab.

6. Ekstase ist für Männer hartes Training

Vorsicht vor den selbsternannten Männer-Gurus, die so tun, als sei dein Lustempfinden ein rein technisches Unterfangen. Einfach monatelang den viel zitierten PC-Muskel trainieren? Oder das Versprechen, mit den fragwürdigen Tipps in kürzester Zeit zum besten Liebhaber der Welt zu mutieren? Zum Glück ist es nicht ganz so einfach.

Jegliche Ekstase kann nur so tief sein, wie du bereit bist, dich fallenzulassen. Beantworte folgende Fragen:

  • Wie intensiv spürst du dich selbst?
  • Wie sehr lässt du dich durch äußere Faktoren und Bilder ablenken?
  • Kannst du auch für dich alleine eine erfüllende Sexualität genießen?
  • Sorgst du in der Zweisamkeit nur für dein Gegenüber, und vergisst dich dabei selbst?
  • Bist du ein kontrollierter und angespannter Mensch?
  • Vertraust du nur jenen Erfahrungen, die du bereits kennst?

Die Antworten helfen dir dabei, zu einer Lebensweise zu finden, die deine Sexualität begünstigt. Und die ihr nicht im Wege steht. Hier sind Einsicht, Entspannung und Neugierde angesagt, kein Leistungssport.

7. Länger, tiefer, besser.

Sehr viele Männer hadern mit der Größe ihres Lingams (Penis). Wir können uns immer wieder sagen, dass die 18+ Zentimeter eine absolute Ausnahme sind. Dass sie hauptsächlich in (oftmals manipulierten) Pornos vorkommen. Oder dass wir eine Frau auch mit deutlich weniger zufriedenstellen können. Und doch sind da die Zweifel.

Seit ich die achtsame Sexualität lebe, hat sich auch der „Zustand“ meines Lingams beim Liebesspiel verändert. Mittlerweile ist er meistens in einem Dreiviertel-Zustand. Anfangs haderte ich damit. Zu sehr war das Bild in mir verankert, dass das beste Stück immer voll da zu sein hat. Doch das Gefühl für mich und meine Partnerin ist genauso intensiv. Mit einem nicht komplett erigierten Lingam fühle ich sogar mehr. Ich nehme feine Energien der Yoni wahr, die ich zuvor nicht spürte.

Früher habe ich im Bett ständig darauf geachtet, wie sehr mein Lingam gerade seinen Mann steht. Dir geht es ganz ähnlich, so wie vielen anderen Männern auch? Dann kannst du deine Sexualität oft kaum noch genießen. In der achtsamen Intimität fällt dieser Druck nach und nach weg. Das macht dein Liebesleben deutlich entspannter, alleine aber auch in einer Partnerschaft.

8. Reden killt die Lust

Viele Paare kennen den Effekt, dass Intimität und gegenseitige Berührungen mit der Zeit nachlassen. Enttäuschung und Vorwürfe sind die Folge. Und so manche Beziehung scheitert daran. Alma Katrin Wagener berät Paare, die sich in solchen Situationen befinden. Zu den Gründen für den Verlust der Libido sagt sie:

Sex, Berührung, Nähe und Lust brauchen Zeit und Entspannung. Die fehlt vielen Paaren im Alltag irgendwann … Dann wird die gemeinsame Intimität oft zu einem weiteren, leistungsorientierten Punkt auf der partnerschaftlichen Agenda. Auf diese Weise entstehen Frust, Erwartungsdruck und Resignation – in Verbindung mit festgefahrenen Verhaltensmustern.

Nicht selten seien sexuelle Funktionsstörungen oder Lustlosigkeit die Folge dieser Entwicklung. Ein Teil der Lösung ist es, intime Probleme offen anzusprechen. Aber auch die eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte.

Gemeinsam findet sich nicht selten ein Weg, den das Paar bislang nicht bedacht hat. Reden killt dann nicht die Lust, sondern es führt aus den Alltagsmustern heraus. Klare Kommunikation spielt dabei eine große Rolle. Alma formuliert es so:

Du spürst, dass dein Partner sich zurückzieht, ohne seine Stimmungslage zu kommunizieren? Und bleibst mit Fragezeichen zurück? In diesem Fall ist es immer gut, ein offenes, liebevolles Gespräch zu suchen … Und zwar ohne den Partner für deine Verunsicherung, Unerfülltheit etc. verantwortlich zu machen. Das ist ganz wesentlich. Jeder ist für seine Lust und die Erfüllung selbst zuständig.

Du wünschst dir wieder mehr Berührung innerhalb deiner Beziehung? Oder du hast mit dem Thema Eifersucht zu kämpfen? Das komplette Interview kannst du im Beitrag Intimität in Beziehungen nachlesen.

9. Sanft und animalisch passen nicht zusammen

In einem Seminar nahm mich vor einiger Zeit eine Teilnehmerin beiseite. Ihre Frage lautete: „Sag mal, bei all der Achtsamkeit, hast du eigentlich auch noch ganz normalen Sex?“. „Aber Hallo!“, hätte ich am liebsten ausgerufen. Hinter der Frage „achtsamer versus normaler Sex“ verbirgt sich die Vermutung, eine bewusstere Intimität würde alle anderen Spielarten obsolet machen. Doch ohne meine „animalischen“ Seiten wäre ich heute nicht der Mann, der ich nunmal bin.

Was ich dir damit sagen möchte: Du musst dich nicht zwischen dem einen oder dem anderen Weg entscheiden. Es gibt Zeiten, da fokussiere ich mich ganz auf etwas, das viele „Slow Sex“ nennen würden. Und es gibt Zeiten, da probiere ich aus und lass es krachen. Darin sehe ich kein Problem – solange alle Beteiligten bewusst damit umgehen. Selbst Szenen wie BDSM (Bondage und Sado-Maso) funktionieren nicht ohne Achtsamkeit, siehe diesen Beitrag.

Die achtsame Sexualität kennt sehr viele Ausdrucksformen. Sie beinhaltet gleichzeitig, dass alle Menschen ihr Liebesleben so ausrichten können, wie Mann/Frau/divers es möchte. Unabhängig von ihrer sexuellen Definition, ihrer Orientierung oder ihren intimen Vorlieben. Oder anders formuliert: Achtsamkeit bedarf der Offenheit sowie der Toleranz.

10. Guter Sex ist eine Frage der Technik

„300 Stellungen für besseren Sex“, „Länger Durchhalten mit den Tricks der Pornostars“, „Mit Kamasutra zum Frauenmagnet“: Wenn man die Bücherwelt durchforstet, dann kann einem schwindelig werden. Oder schlecht. Der Nachteil der meisten Tipps: Du schaltest deinen Kopf ein, und damit das Fühlen aus. Erzwungene Akrobatik und automatisierte Abläufen im Bett? Eine Lust, die abhängig von Bildern ist, die dich „scharf“ machen? Freie Sexualität sieht anders aus.

Kurz ein wenig da streicheln, dann diesen Knopf drücken. Schließlich feste in eine Richtung stimulieren und schon bin ich am Ziel. Wir alle kennen den Sex, der für kurze Befriedigung sorgt. Der dich aber nicht wirklich berührt. Beobachte dich einmal ganz bewusst, wenn du das nächste Mal Liebe oder Selbstliebe machst:

  • Welche Bilder laufen in deinem Kopf ab?
  • Wann greifst du automatisch zum Toy? Oder zu Pornos?
  • Wo gibst du dir oder deinem Partner/deiner Partnerin Anweisungen? Bist du sehr ernst bei der Sache?
  • Gibt es Momente, wo du dir oder deinem Gegenüber etwas vorspielst?
  • Welchem Muster folgen deine Bewegungen? Sind sie monoton bzw. wenig spontan?
  • Bist du der Meinung, dass dich nur ganz bestimmte Berührungen in die Lust oder zum Orgasmus bringen können?

All das ist für sich nichts Schlechtes. Aber es kann dazu führen, dass du ein Programm abspulst, ohne es zu wissen. Bei manchen Männern und Frauen geht die Routine so weit, dass sie Berührungen komplett neu lernen müssen. Oder dass sie als „beziehungsunfähig“ abgestempelt werden.

So weit zu den Mythen der männlichen Sexualität. Welche davon kennst du? Wie löst du sie auf? Welche Fragen hast du? Nutze einfach die Kommentarfunktion am Ende des Beitrags – auch anonym. Du willst über weitere Artikel informiert werden? Dann folge NachSpüren auf Facebook, Instagram oder über den Newsletter.

Bilder: Guilherme Zanoni, Joshua Ness, Jack Hamilton, Liam Martens, Alex Iby

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