In meiner Ausbildung hatte ich eine Supervision (eine angeleitete Tantra Massage), an die ich mich noch heute ungern erinnere: Die Stimmung war verkrampft, nicht energetisch, fast schon verzweifelt. Heute habe ich für mich erfahren, warum dies so war. Viel mehr noch: Ich habe den Grund herausgefunden, warum ich berühre.

Die Empfängerin der Supervision sagte damals zu mir – nachdem die äußerst angespannte „Sitzung“ endlich vorbei war – sinngemäß:

Du kannst erst dann wirklich tantrisch massieren, wenn du deinen Grund kennst, warum du dies tust.

Heute Nacht habe ich diesen Sinn, diesen Grund herausgefunden. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Ja, auch wir Männer können das. Der Grund war umso erstaunlicher, da er nichts mit Hingabe, Verehrung und all den tantrischen „Hochpreisungen“ zu tun hat, die man sich normalerweise als Grund denkt, wenn Mann Frau massiert. Sondern mit tiefster seelischer Verletzung, unglaublichen Abgründen und einem Schmerz, der im wahrsten Sinne des Wortes nicht zu beschreiben ist. Es war nicht mein Trauma, das mir vor Augen kam. Sondern das einer anderen Person, die ich zutiefst liebe. Es war für mich kaum auszuhalten: Wie viel Leid können sich Menschen gegenseitig antun!

Und dennoch spendet mir diese Bewusstwerdung Trost. Auf ihre ganz eigene Weise. Ich weiß nun, dass ich mit Berührung Wunden heilen kann. Oh nein, ich maße mir nicht an, ein „Heiler“ zu sein. Ich kann nur einen kleinen Ausgleich geben, um den Schmerz zu lindern. Indem ich Vertrauen wiederherstelle. Aber auch, indem ich Wege zur Lust aufzeige. Zu einer Lust, die ohne Schmerzen auskommt.

In tiefster Dankbarkeit für diese Erkenntnis, und dafür, berühren zu dürfen.

Was ist dein Grund?

Bilder: Hayes Potter, Karina Tess

Beteilige dich an der Unterhaltung

6 Kommentare

  1. Lieber Michael,

    ich kann es sehr gut nachvollziehen, was in dem Moment in Dir passiert ist, als Du Dir bewusst geworden bist, warum Du berührst.

    Ich verstehe auch sehr gut, dass der Grund „nichts mit Hingabe, Verehrung und all den tantrischen „Hochpreisungen“ zu tun hat, die man sich normalerweise als Grund denkt, wenn Mann Frau massiert.“

    Mir geht es ähnlich wie Dir. Ich bin empfänglich und sehr empfindsam, ich kann mich nicht einfach so von Schmerz und Leid anderer distanzieren und so tun, als wäre es mir egal geschweige denn, als würde es mich nicht berühren. Ich spüre seelischen Schmerz und Leid anderer, auch auf kollektiver Ebene. Und es nimmt mich sehr mit.

    Es gab Ereignisse, die extrem viel kollektiven Schmerz und Leid beinhaltet haben, und bei denen das Spüren dieses Schmerzes und Leide(n)s der Betroffenen für mich kaum auszuhalten war. Das Unglück bei der Flugshow in Ramstein (1988), der Tod von Prinzessin Diana (1997), das Erdbeben vor Sumatra und die nachfolgende Tsunami-Katastrope (2004), der Reaktorunfall in Fukushima (2011) und die Ereignisse der Zerstörung des WTC (2011) … – das sind nur Auszüge von Ereignissen, die im Kollektiven unglaublich viel Leid und Schmerz gebracht haben und die mich tief berührt haben und mich teilweise über Tage haben Rotz und Wasser heulen lassen.

    Und auch die Corona-Pandemie mit der physischen Distanz zu anderen Menschen. Ich spüre sehr deutlich die Sehnsucht nach Berührung (und auch nach dem Leben vor der Pandemie) …..

    Mal abgesehen davon, dass der Begriff der „sozialen Distanz“ mehr als unglücklich gewählt wurde und im Kollektiv die Angst vor Einsamkeit, Verlust von Kontakten, Ausschluß aus Gemeinschaft etc. auf fatale Weise getriggert hat.

    Ich bin hochsensibel. Und die damit einhergehende Empfänglichkeit und Empfindsamkeit ist Fluch und Segen zugleich für mich. Weil diese Welt nicht für sehr sensible Menschen mit ihrer Empfänglichkeit und Empfindsamkeit gemacht zu sein scheint. Nur die Harten kommen in den Garten und hohe Sensibilität, einhergehend mit Empfänglichkeit und Empfindsamkeit, wird zum Großteil als Schwäche angesehen. Ganz besonders bei Männern, die dann gern als „Weicheier“ abgekanzelt werden.

    Dabei ist all das nur ein Ausdruck für Beziehungsfähigkeit.
    Du bist berührbar. Und wer berührbar ist, der ist beziehungsfähig. Nicht nur zu/mit anderen. So jemand ist fähig, sich selbst wahrzunehmen und in Beziehung mit sich selbst und seinem wahren Kern zu treten.

    Ich stimme Dir voll zu. Die Fähigkeit, berührbar zu sein und selbst berühren zu können, bringt es mit sich, Wunden heilen zu können. Meine eigenen wie auch die anderer. Oder den dafür nötigen Prozess des heil-Werdens in Gang zu setzen. Der fängt mit etwas ganz bestimmten an: Mit Liebe. Und mit Akzeptanz.

    Alles Liebe
    Sabine

    1. Liebe Sabine,

      Danke für deine Worte. Du schreibst:

      Wer berührbar ist, der ist beziehungsfähig. Nicht nur zu/mit anderen. So jemand ist fähig, sich selbst wahrzunehmen und in Beziehung mit sich selbst und seinem wahren Kern zu treten.

      Die Beziehung zu sich selbst steht dabei meines Erachtens – so wie du es ebenfalls beschreibst – zu Beginn, bzw. ist die Grundvoraussetzung für Beziehungen im Außen. Wie viele Menschen versuchen dringend und krampfhaft in einer Beziehung zu leben, ohne mit sich selbst im Reinen zu sein. Das kann nicht funktionieren.

      Was du im Bezug auf Männer ansprichst: Das ist schon eine Hürde. Ich habe kurz überlegt, ob ich den Text so veröffentlichen kann, denn er zeigt Schwäche. Ich habe nichts zu verlieren, andere Männer schon. Sie machen sich den Druck selbst, dieser ist aber auch in unserem gesellschaftlichen Miteinander begründet. Siehe hierzu das Interview https://nachspueren.de/weibliches-begehren/.

      Danke für deine Einsichten einer hochsensiblen Person. Ich finde mich in Teilen wieder, so wie sicherlich viele LeserInnen. Das inspiriert und macht Mut..

      Dir auch Alles Liebe, Michael

  2. Trost gespendet zu bekommen durch tantrische Berührung kenne ich, habe ich erlebt, ist heilsam und lässt Rotz und Wasser fließen. Tränen, die einen Teil des alten Leids hinwegfließen lassen…
    Wolfgang

    1. @Wolfgang: Ja, in der Massage selbst habe ich das auch schon des Öfteren erlebt. Es mutet am Anfang etwas seltsam an: Ein Erleben, welches man normalerweise als höchst erotisch wahrnehmen würde, driftet in ganz andere Richtungen ab.

      Gleichzeitig erinnert mich das heilsam und befreiend daran, dass Tantra die sexuelle Ebene zutiefst umfasst und umfassen darf, dass es aber noch ganz andere Ebenen gibt. Und dass dennoch all das miteinander verwoben ist. Eine Berg- und Talfahrt zwischen Lust, Ekstase, Leid und Schmerz. Eine Reise eben.

    1. @Elodie: Ja und nein. In der Regel gehe ich automatisch in Resonanz zur Gefühlslage des Empfängers/der Empfängerin – unabhängig von meiner eigenen. Zumindest nach den ersten Minuten der Massage, dann komme ich voll beim Gegenüber an und vergesse meine eigene Welt – bin komplett bei der anderen Person. Wenn diese in ihre Lust kommt, geschieht das auch bei mir (siehe https://nachspueren.de/tantra-massage-lust/). Und wenn diese in emotionale Prozesse kommt, dann halte ich den Rahmen, es spiegelt aber gleichzeitig auch meine zugehörigen Energien.

      Andererseits bin ich mir sicher, dass ich dennoch etwas von „mir“ und meiner aktuellen Verfassung in die Massage hineingebe. Das geht gar nicht anders, wenn ich berühre. Interessanterweise passt es jedoch oft. So manche EmpfängerInnen geben mir im Nachgespräch als Feedback, dass sie genau diese Grundstimmung (egal ob Lust, Trauer, Wut, Entspannung oder was auch immer) in ihrem aktuellen Sein kennen (ohne dass ich diese Stimmung vorher anspreche), und dass es sie mit Hilfe der Massage in ihrem Prozess begleitet und diesen vertieft hat. Oder es holt etwas in ihnen hervor, das lange verborgen war und bis dahin keinen Raum hatte.

      Wenn ich tief in meinen eigenen Prozessen bin sage ich jedoch eine Massage ab bzw. verschiebe sie, bis ich wieder die notwendige Energie dafür habe.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar zu Wolfgang Schmitt-Gauer Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.